Harry, mein lieber Freund,

nun hast Du es, ohne es zu wollen, nicht nur in den Online-Standard geschafft – man hängt Dir auch demnächst mit 42-jähriger Verspätung eine damals wohlverdiente Medaille um. Darüber haben wir am Telefon ja bereits laut und anhaltend gelacht. Als Achtzehnjähriger bei einem Wiener Marathonlauf hatte man sie Dir mit dem Argument verweigert, dies sei kein Behindertenwettrennen. Du nanntest dies im Nachhinein mit Augenmaß und gewohnt humorvoll die „Behindertensteinzeit Wiens“. Der Wiener Marathon steckte selbst auch noch in den Kinderschuhen.

Nachdem Dich vor einiger Zeit eine Dame des Behindertenverbandes in der Prater Hauptallee samt Blindenstock joggen gesehen hat und dich daraufhin ansprach, vermittelte sie Dich nach erfolgtem Einverständnis an einen Journalisten des Standard. Du bist ja für jeden Spaß, wenn er nicht aus dem Rahmen guten Benehmens fällt, leicht zu haben.

Das Interview gabst Du in jener launigen Stimmung, die wir Freunde an Dir so schätzen: Mit ein paar Anekdoten Deiner kleinen Schelmenstücke. Als Dein nicht wenig stolzer Freund bin ich geneigt, ein paar weitere anzuführen – allerdings mit dem Hinweis, dass diese nicht dem Umfang Deiner weit darüber hinausgehenden Persönlichkeit entsprechen. Aber dazu später mehr. Zuerst die Schmankerln, die wir untereinander in unserem Freundeskreis immer wieder ausbreiten:

Vor dem Meidlinger Bahnhof hört Harald einen Dialog zwischen einem Polizisten und einem Rollstuhlfahrer. Der Polizist herrscht ihn an, sofort aufzustehen und sich davonzutrollen. Zum allgemeinen Erstaunen vollbringt dies der Mann, schiebt sein Gefährt vor sich her. Es handelt sich offensichtlich um einen Bettler mit betrügerischen Absichten. Harald, davon angetan geht zu dem Polizisten hin und fragt höflich: „Herr Inspektor! Könnten Sie mich bitte auch heilen?“

Bei anderer Gelegenheit, ein anderer Polizist – Harald geht zu ihm hin und der Mann ist ihm der Blindenschleifen wegen gleich geneigt und schenkt ihm sein Ohr. Harald konfrontiert ihn mit folgender Frage: „Herr Inspektor, glauben Sie, wenn es nur Polizisten gäbe, wäre die Welt dann besser?“ Der Mann zeigt Humor und verneint lachend: „Nur a bissl, vielleicht.“

Harald hinter der ausladenden Theke einer Bäckerei, bestellt sein geliebtes Nussbeugerl. Die Dame vom Verkauf, etwas im Stress: “Ja, wenn ich es finde …!“ Harald hält den neu verordneten Blindenstock hoch und fragt lachend: „Soll ich Ihnen meinen Stecken borgen?“

Harald wird auf seine Blindenschleifen angesprochen, auf das dahinterstehende bittere Schicksal . Harald reagiert in gewohnter Manier:„Wussten Sie, dass nächstes Jahr neue Blindenschleifen herauskommen?“ „Tatsächlich?“ „Ja. Eine mit grünen, blauen und roten Punkten. Für die Farbblinden.“ „Aha!“ „Und eine mit einem halben Punkt für die Halbblinden.“ Das Gegenüber wird skeptisch. Harry setzt nach: „Und eine mit einer Gans darauf – für die ganz Blinden!“„Na Sie haben Humor!“

Bei all diesen Anekdoten, die auf Dein positiv gepoltes Gemüt verweisen, soll aber auch erwähnt sein, dass Du Dich Dein Leben lang für andere Behinderte eingesetzt hast und Du acht Menschen die Würde verliehen hast, Sterbebegleitung zu leisten.

Es folgt ein vor der Medaillenverleihung bei der Laudatio vorgetragener Zusatz:

Es ist eine Freude, hier zuzusehen, wie Dir Gerechtigkeit widerfährt. Hoch anzurechnen ist es auch den Initiatoren dieser Verleihung, Dir Deinen Anteil auf diesem Weg zukommen zu lassen, als Signal an all jene, die wie Du den Mut aufweisen, trotz Behinderung den Lebenskampf in Würde aufzunehmen.

Wolfgang Anders

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