“Maria Theresia” – Musicalkritik

Dekokratives Element
Maria Theresia (Nienke Latten) mit ihrer Mutter (Annemarie Lauretta)

Maria Theresia als „Mutter der Nation”

Im Musical „Maria Theresia“, das seit Oktober 2025 im Ronacher zu sehen ist, wird viel richtig gemacht. Es gibt interessante Hip-Hop und Rap Nummern für ein tendenziell jüngeres Publikum, vereinzelt langsamere Balladen, die Fans klassischer Musicals ansprechen sollen sowie grandiose Choreographien, ein innovatives Bühnenbild und spannende Kostüme in einem klassisch-modernen Stilmix. So wird die einzige österreichische Herrscherin gekonnt in Szene gesetzt und Kernbotschaften transportiert, die dem aktuellen Zeitgeist entsprechen. Dennoch wirkt zwischenzeitlich einfach alles zu viel, denn in diesem Musical wird vor allem auf eines gesetzt: Tempo!

Mehrere Jahre hat es von der Idee für das Musical bis zu dessen Umsetzung auf der großen Bühne gedauert. Eine Zeit, die gut investiert war. So ist der Grundgedanke, das spannende Leben von Maria Theresia (1717-1780) für ein neues Musical heranzuziehen, alles andere als abwegig. Schließlich haben Musicals über interessante Lebensgeschichten bereits Tradition und zuletzt etwa bei „Hamilton“ (Broadway) und „Falco“ (Wien) bestens funktioniert. Das von den Vereinigten Bühnen Wien (VBW) produzierte Musical „Elisabeth“ wurde seit seiner Premiere 1992 zu einem echten Exportschlager. Auch wenn von „Maria Theresia“ kein vergleichbarer internationaler Erfolg erwartet werden kann – Sisi genießt weltweit doch einen deutlich höheren Bekanntheitsgrad –, darf sich das Publikum dennoch auf sehr unterhaltsame Stunden im Theater freuen.

Dekoratives Element
Maria Theresia (Nienke Latten) und ihr Mann Franz Stephan (Fabio Diso) sind sich nicht immer einig.

So geht es im ersten Akt zunächst um die Jugendjahre von Maria Theresia und ihre große Liebe zu Franz Stephan von Lothringen, bevor sie im Alter von nur 23 Jahren, nach dem Tod ihres Vaters, die Regierungsgeschäfte übernehmen muss. Dank der Pragmatischen Sanktion kann sie die Nachfolge ihres Vaters antreten, jedoch entbrennt ein jahrelanger Erbfolgekrieg. Der Einstieg in den zweiten Akt erfolgt nach einem großen Zeitsprung. Einige Kinder sind bereits im heiratsfähigen Alter und die Heiratspolitik von Maria Theresia birgt Konfliktpotenzial. Aber auch in ihrer Ehe kriselt es und ein dauerhafter Frieden, insbesondere mit Friedrich II. von Preußen, konnte noch nicht erzielt werden. Dazu kommen zahlreiche Reformen, die die Herrscherin auf den Weg bringen möchte, dabei jedoch in den eigenen Reihen auf Widerstand stößt.

Der Gegenspieler von Maria Theresia: Friedrich II. von Preußen (Moritz Mausser)

Alles in allem, sehr viel Stoff den es in zwei Akten zu erzählen gibt. Dementsprechend schnell wird die Geschichte präsentiert und teilweise stark inhaltlich und musikalisch auf`s Gas gedrückt. Verschnaufpausen für das Publikum: Fehlanzeige. In zahlreichen schnellen Hip-Hop und Rap Nummern wird das Publikum mit unglaublich viel Text überhäuft, den es erst einmal inhaltlich zu erfassen gilt. Dazu kommen fantastische Choreographien, die dem Ensemble so einiges abverlangen, interessante, vielseitige Bühnenelemente, detailreiche Kostüme und ein tolles Lichtdesign. Insgesamt eine grandiose Leistung des kreativen Teams, aber gelegentlich einfach zu viel. Durch allzu schnelle Szenenwechsel ist es kaum möglich sich von so mancher Reizüberflutung zu erholen, auch wenn die wenigen Balladen des Musicals dazwischen gut gesetzt sind.

Spannende Choreographien hat das Musical viele zu bieten.

Maria Theresia zählt dementsprechend zu jenen Musicals, die man mehrfach gesehen haben muss, um alle Aspekte wertschätzen zu können – von der Musik über den Tanz bis hin zu Licht, Kostüm, Bühnenbild und den darstellerischen Leistungen. Denn auch letztere können sich sehen lassen. So brilliert in der Hauptrolle die niederländische Darstellerin Nienke Latten, die in Wien bereits in „Rebecca“ und „Jesus Christ Superstar“ zu sehen war. Stimmlich und schauspielerisch harmoniert sie dabei unfassbar gut mit ihrem On-Stage Ehemann Franz Stephan, dargestellt von Fabio Diso, wie z.B. bei „Was du damit tust“ und „Für immer nur mit dir“. Als absoluter Publikumsliebling entpuppt sich jedoch der Antagonist der Geschichte, Friedrich II. von Preußen. Moritz Mausser, bis vor Kurzem noch als Falco im gleichnamigen Musical zu sehen, darf sich als Widersacher von Maria Theresia auf der Bühne so richtig austoben und eine große Bandbreite an Emotionen bedienen. So erinnert seine Figur auch ein wenig an das Phantom („Phantom der Oper“), das aktuell im Raimund Theater sein Unwesen treibt.

Nienke Latten steht fast durchgehend als Maria Theresia auf der Bühne.

Dass sich hier, im Hinblick auf die Dramaturgie und Entwicklung der einzelnen Figuren, so manche historische Ungenauigkeit eingeschlichen hat, darf nicht überraschen. So werden auch die Schattenseiten von Maria Theresia weitgehend ausgeblendet und stattdessen ihr fortschrittliches Wirken, u.a. durch die Einführung der Schulpflicht, betont. Ganz nach dem Motto „Der Mann des Jahrhunderts – das war eine Frau!“, wird sie im Musical als kluge, moderne Powerfrau inszeniert, die sich in den vorherrschenden, patriarchalen Strukturen ihren Platz erkämpft sowie Job und Familie – sie hatte 16 (!) Kinder – unter einen Hut bringt. Die Art und Weise, wie diese Botschaften im Musical selbst vermittelt werden, ist leider manchmal ein wenig zu direkt. So wird u.a. in den Songs „Mutter der Nation“, „Working Mom“, „Wir alle sind M.T.“ und „Stärker als ihr denkt“ textlich mit dem Vorschlaghammer vorgegangen, wobei ein Hämmerchen mit Gummikopf auch gereicht hätte.

Das Bühnenbild dominieren LED-Wände im Hintergrund sowie vielseitige Stahlkonstruktionen.

So ist „Maria Theresia“ insgesamt ein sehenswertes Musical, wenn auch phasenweise ein wenig zu sehr auf Highspeed. So manche Ballade hat auch – bei mehrmaligem Hören – durchaus Ohrwurm-Potenzial. Bald ist dafür nicht immer wieder der Gang ins Ronacher notwendig, denn noch dieses Jahr soll, sehr zur Freude zahlreicher Fans, die CD zum Musical erscheinen. Dann kann dem explizit besungenen Motto des Musicals auch in den eigenen vier Wänden gelauscht werden.

Text & Bilder: Barbara Klaus

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