MÄRCHEN

Vor knapp zwei Wochen erhielten wir in unserem WORTAKROBATEN-Geschäft den überraschenden Besuch eines Pilgers aus der Schweiz. Nach einem ersten spannenden Gespräch fragte er nach Märchenbüchern. Er wolle sie für eine Sammlerin zu Hause.
Nun, wir fuhren ihm so einiges auf, zumeist Ausgaben, die noch aus der DDR-Zeit stammten. Der Mann kaufte einen Stapel von sieben oder acht Büchern.
Etwa eine Woche später erhielten wir die begeisterte Dankes-Mail einer unbekannten Frau aus der Schweiz. Die Sammlerin selbst! Mit Ausnahme eines einzigen hatte sie noch keines der von uns angebotenen Bücher in ihrem Schatzkeller gehabt. Dann die spezielle Frage nach ukrainischen Märchen, die zunächst nicht dabei gewesen waren. Nach kurzer Recherche unsererseits liegt nun ebenfalls ein Band ukrainischer Märchen vor. Dabei stellten wir fest, dass es fast dieselben sind, die man auch in russischen Märchensammlungen findet. Ukrainer wie Russen sind Völker aus ein und demselben Stammbaum!
Das nur am Rande. Was mich fasziniert, ist der Umstand, dass Märchen bis heute gern gelesen werden und als sinnstiftend empfunden werden. Märchen gehören zu den Wurzeln eines gewachsenen Volkes, sind Spiegel seiner Mentalität, seiner Seele, seines Herzens. Da ihre Inhalte auf inneren, unbewussten Bildern beruhen, müssen sie dazu nicht einmal verstanden werden, und die Diskussion, ob man die Grausamkeit z. B. Grimmscher Märchen kleinen Kindern zumuten könne, ist ziemlich dumm, denn sie führt an allem vorbei, was ein Märchen bedeutet und wie es tatsächlich wirkt.
Solange eine Menschengemeinschaft (ein Stamm, ein Volk, eine Mentalitätsgruppe eben) Überlieferungen wie Märchen und Sagen pflegt, ist sie lebendig und – wenn auch zumeist unbewusst – mit dem verbunden, was man vielleicht als „gemeinsame Seele“ zu beschreiben versuchen könnte. Somit ist sie auch in der Lage, wiederum andere Stämme, Völker u. ä. zu verstehen, sich in deren Denken und Fühlen hineinzuversetzen. Märchen sind meiner Ansicht nach ein geradezu unentbehrlicher Teil der Herzensbildung eines Menschen.
Kulturen ohne Märchen – falls es solche gibt – sind möglicherweise seelenlos, kennen keine Verbindung zu ihrem Ursprung. (Haben eigentlich die Hollywoodkultur-US-Amerikaner eigene Märchen oder ist Hollywood selbst ein solches?)
Der Theologe Eugen Drewermann hat in mehreren seiner Veröffentlichungen tiefenpsychologische Deutungen vieler bekannter Grimm-Märchen angeboten; eine sehr interessante Lektüre, nebenbei bemerkt. Doch braucht es das überhaupt, Märchen zu deuten?
Der Kopf, der Verstand, muss nicht wissen, was in der Seele, in den Körperzellen lebt. Ein Mensch, dessen Großmutter ihm als Kind immer wieder vom dummen Hans erzählt hat, der im Gegensatz zu seinen beiden älteren (und schlaueren!) Brüdern am Ende die Prinzessin erobert, wird sich vielleicht entscheiden, das Leben eines solchen vermeintlichen Versagers, der erst viel später sein volles Lebensglück findet, zu führen, ein Dasein, das rein intuitiv schon auf das Hier und Jetzt setzt. Da hilft er dann den Ameisen, denen er begegnet, aus Lust, Laune oder sogar Liebe heraus, ohne darauf zu spekulieren, dass er diese Ameisen später einmal brauchen kann. Sie kommen indessen von selbst, um sich erkenntlich zu zeigen. Diejenigen aber, die alles kontrollieren wollen (die älteren Brüder), scheitern, weil sie so viele Dinge (so viel Leben!) überhaupt nicht bemerken, weil sie achtlos daran vorübergehen. Sie sehen nur sich selbst und ihre Pläne, da passt nichts anderes dazu oder hinein …
Natürlich kann man ein Märchen auch ausschmücken, als gewaltigen Roman gestalten. Nichts anderes hat J. R. R. Tolkien getan, als sein HERR DER RINGE entstand. Wer danach sucht, mag zwischen Auenland und Mordor unzählige Parallelen zu dem finden, was wir heute erleben. Michael Endes MOMO oder der UNENDLICHEn GESCHICHTE könnte man ähnliches bescheinigen. Dennoch würde ich nur einen geringen Bruchteil der heutigen Fantasy-Literatur in die Rubrik MÄRCHEN (im würdigen Sinn) einordnen, dazu ist sie in der Masse einfach zu oberflächlich.
Sag mir dein Lieblingsmärchen, und ich sage dir, wer du bist!
Das englische Wort für „Märchen“ lautet FAIRYTALE. Es geht auf ältere Begrifflichkeiten zurück und lässt sich am ehesten mit „schöne Erzählung“ übersetzen. Das russische Wort сказка hingegen meint einfach „das Erzählte“.
Und, was ich schon weiter oben mit meinem Hinweis auf die Ähnlichkeit ukainischer mit russischen Märchen bemerkte: Die aus den Tiefen der Seele sprudelnden Erzählungen könnten Frieden stiften, wenn man sie denn ließe, Verständnis auch und Mitgefühl.
Es lässt hoffen, dass solche Texte noch immer gefragt sind. Und ich freue mich, dass wir mithelfen dürfen, sie zu verbreiten.
Andreas H. Buchwald                        Lengenfeld, 29. Mai 2022

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