A. H. Buchwald, NACH EINEM JAHR IN LENGENFELD

… ziehe ich eine erstaunliche Bilanz. Es ist eine sächsische Kleinstadt, fast in der Mitte zwischen Zwickau und Plauen gelegen, nicht gerade mit Überbevölkerung gesegnet und von geringem Bekanntheitsgrad. Trotzdem sind wir an diesem Ort unbedingt richtig, und das in mehr als einer Hinsicht.
Als wir vor einem Jahr in den Endspurt des Kistenpackens gingen, hatte sich in mir das Gefühl einer schweren Niederlage breitgemacht. Nicht nur, weil ich nicht wusste, wie es mit der ganzen Verlagsarbeit weitergehen sollte, sondern vor allem, weil es uns nicht gelungen war, eine neue Residenz im Allgäu zu finden, eine, die uns entsprach und die gleichzeitig unser Budget hätte verkraften können.
Dazu gab es noch weitere „Schmerzpunkte“. Zum einen hatten wir uns mehr in die Landschaft verliebt, als wir glaubten, sodass uns der Abschied ungemein schwerfiel. Zum anderen hatten wir nicht damit gerechnet, dass viele von denen, die wir für Freunde hielten, sich durch den Medien-Dauerbeschuss mit Angstkanonen abrupt veränderten und auf Abstand gingen. Da wir das kollektive Wegducken nicht verstärken wollten, blieben wir dabei, unser Gesicht zu zeigen, und so kam es zu sehr unschönen Szenen. Die Gesamtsituation verwandelte sich für uns ins kaum noch Erträgliche und verkleinerte unseren Lebensradius erheblich; dennoch blieben wir bei unserer Weigerung, der Religion der Zeugen Coronas zu huldigen, die sich in atemberaubendem Tempo ausbreitete. Also konnte es gar nicht anders kommen.
Die Wohnung, die wir in Lengenfeld bezogen, erfüllte kaum zur Hälfte den Standard, an den wir uns in Greith fast schon gewöhnt hatten. Zunächst verstärkte sie meine Empfindung besagter „Niederlage“, doch schon nach wenigen Tagen wich dieses Gefühl einem fast ungläubigen Staunen. Hier im Vogtland herrschte erheblich mehr Freiheit als in Bayern, bezogen auf die allgemeine Situation seit dem Frühjahr 2020. Es gab keinerlei üble Zwischenfälle mehr; niemand brüllte mich an, wenn ich nackten Gesichts ein Ladengeschäft betrat. Hier durften wir sein, wie wir sind, und hinzu kam, dass wir sehr schnell Nachahmer unseres Auftretens fanden. Zwar zogen im Herbst 2021 rein äußerlich die „Maßnahmen“ wieder an, doch für uns blieb alles wie gehabt, wir spürten nur wenig davon. Die Maskenträger nahmen zwar wieder zu, ließen uns aber in Frieden, abgesehen von zahlreichen erklärt „maskenfreien Zonen“, die wir weidlich nutzten.
Die Szene der Ungehorsamen zeigte sich in Sachsen erheblich größer und stärker als dort, woher wir gekommen waren, und das tat uns einfach gut. Hier existierte ein ganzes Netzwerk derer, die an den widerwärtigen Einschränkungen vorbeizuleben versuchten und sich gegenseitig halfen. Viele Menschen unterstützten sich gegenseitig mit großer Selbstverständlichkeit und taten das vielfach für Gotteslohn (falls jemand diesen Ausdruck noch kennt) oder für das unausgesprochene Versprechen: Heute hast du mir geholfen, und morgen helfe ich dir, wenn du mich oder etwas von mir brauchst.
Nebenbei geht man hier ungemein oft spazieren, und wer sich beteiligt, lernt bequem die Leute kennen, die im Zusammenhang seiner nächsten Vorhaben wichtig sind. Und andere, deren pure Sympathie ihm den Alltag leicht macht.
Was also die menschliche Komponente betraf, so hatten wir eine außerordentlich glückliche Wahl getroffen, die zu geradezu wundersamen Erlebnissen führte, die im März 2022 noch eine weitere Steigerung erfahren sollten. Indem wir uns entschlossen, zwei kleine Räume zu mieten, um im Zentrum von Lengenfeld unser „offenes Verlagsbüro“ einzurichten (welches von den Leuten inzwischen zu Recht als Buchhandlung betrachtet wird), machten wir wiederum die Erfahrung schneller, unmittelbarer und freudig erbrachter Hilfe und Unterstützung. Und verstehen uns seitdem als Teil eines Netzwerks, dessen Qualitäten in diesen Zeiten kaum überschätzt werden können.
Die Verlagsarbeit, von der ich während des Umzuges noch fürchtete, dass sie ganz zum Erliegen käme, erlebt somit einen Neustart auf einer neuen Ebene. Hier gibt es spürbar viele Leser, gefühlt erheblich mehr als im Umfeld unseres vorherigen Domizils. In der Welt toben zwar noch eine ganze Menge Stürme, doch von hier aus macht sich in mir eine kaum erklärbare Freude auf die Zukunft breit.
Noch nie zuvor empfand ich an einem einzigen Ort dermaßen viel Freundschaft, Anerkennung, Akzeptanz, Herzlichkeit und Vertrauen. Niederlage? Heute schäme ich mich fast für das, was ich damals dachte, und schaue mit großer Dankbarkeit auf das vergangene Jahr zurück.
Vielleicht ist es öfter so, dass eine Entwicklung, die wir für einen Schicksalsschlag halten, in Wahrheit der reinste Segen ist.
Andreas H. Buchwald                           Lengenfeld, 5. Mai 2022

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