Wie wird man zum Schriftsteller?

 

Oft schon wurde ich das gefragt, und bis heute bin ich nicht zu einer klaren Antwort fähig. Abgesehen davon, dass so gut wie jeder Schreibende anders darauf antworten dürfte, kann ich schon mal nicht für „man“ sprechen, sondern nur für mich selbst. Das eine ist mein tatsächlicher Werdegang, und das andere ist das, was ich glaube (und daher keineswegs allgemein gültig sein muss).
Mein Verstand warnte mich bereits in meiner Kindheit vor einem solchen Weg. Deshalb versuchte ich, ihn so lange wie möglich zu vermeiden. Und heute würde ich immer noch jedem, auf dessen Prioritätenliste „Sicherheit“ an höherer Stelle steht als „Freiheit und Abenteuer“, davon abraten.
Um diesen Leuten dennoch eine Chance zu geben, hat man irgendwann vor einigen Jahrzehnten die Studiengänge Germanistik und/oder Journalistik vor die übliche Schriftstellerkarriere geschaltet. Dadurch wird es den Probanden leichter gemacht, Beziehungen zu schmieden und die Weichen für den Weg ihrer Wahl zu stellen. Der Mensch kann sich zurücklehnen, eventuell ein Stipendium beziehen oder gleich mit Verlagsvertrag zu schreiben beginnen. So gesehen, ist die ganze Sache eher leicht, obwohl sie dennoch nicht für jeden gut funktioniert.
Nun gibt es eben nicht nur den Verstand, sondern auch das Herz und andere, noch tiefer liegende Institutionen. Wenn diese anderer Meinung sind, braucht es nicht nur Mut, sondern zuweilen sogar Wahnsinn, um den Weg eines Bücherschreibenden ohne Netz und doppelten Boden zu gehen. Sollte weder Mut noch Wahnsinn von Anfang an vorhanden sein, schafft oft das Leben selbst haarsträubende Situationen, die den Betroffenen nicht mehr ausweichen lassen. So etwa empfinde ich mein „Schicksal“, doch wie kann ich das einem unbedarft oder hinterlistig Fragenden verklickern?
Ich glaube an etwas, das für die meisten wohl nur ein Phantom sein dürfte: Berufung. Den Befehl der inneren Stimme. Der zwar ständig wiederholt wird, aber oft nicht einmal verbal, sondern in Form von merkwürdigen Ereignissen, Begegnungen und anderen verrückten „Streiflichtern“. Manche sprechen von einem „roten Faden des Lebens“.
Wer deshalb Schriftsteller wurde, weil er diesem Wegweiser gefolgt ist, ist es schon immer gewesen, von Anfang an. Er braucht sich niemals Gedanken über die Themen machen, über die er schreiben sollte, möchte, dürfte. Sie zeigen sich ihm, steigen gewissermaßen aus der Tiefe der Erde und sind plötzlich da. In andere Leben, andere Zeiten und unbekannte Ort fühlt er sich ein, so, als geschähe alles ihm selbst. Dann überfällt ihn die Leidenschaft, und wenn er sie nicht zurückschlagen kann, muss er loslegen. Muss! Wenn er denn glücklich sein und sich erfüllt fühlen will.
Kein Wunder, dass hin und wieder ziemlich dicke Bücher in sehr kurzer Zeit entstehen! Und ebenfalls kein Wunder, dass sie sich nicht unbedingt gleich zu Tausenden verkaufen, denn das ist ein anderes Thema, zu dem die innere Stimme oft herzlich wenig zu sagen weiß. Verkaufen ist ebenfalls eine Berufung, nur eine völlig andere. Wer sie nicht fühlt, sollte so viel von ihrer Essenz lernen wie nur möglich, oder sie – noch besser! – an Berufene delegieren.

Was ein Schriftsteller außerdem also noch braucht, zumindest meiner bisherigen Meinung nach, ist Geduld. Die innere Stimme ist trotzdem hilfreich, indem sie ihn oft genug zu seinen dankbarsten Lesern und sicher mitten durch die chaotischsten Lebenssituationen führt.
Bei der Betrachtung einiger berühmter Biographien glaube ich, dass es bei einem Jack London, einem Fjodor M. Dostojewskij, einem Jules Verne und erst recht einem Karl May sehr ähnlich war. Womit ich keineswegs sagen möchte, dass der gebahnte Weg – das Studium und die Stipendien – „schlechter“ wären. Sie bilden, so meine ich, überhaupt erst einmal die Chance, ein Schriftsteller zu werden. Während die Berufung darüber Auskunft gibt, wer einer ist. (Für diesen wäre ein Studium keinesfalls schädlich, manchmal jedoch unnütz.)
Sollte jemand schreiben wollen, ohne selbst viel gelesen zu haben, bin ich misstrauisch. Sogar einem Krimi spürt man ab, ob er nach einer billigen Tatort-Kopfkino-Vorlage geschrieben wurde oder mit höchsteigener Empathie und Phantasie.
Die Frage lautet also: Will ich ein Schriftsteller werden oder bin ich einer? Die nach dem WIE kann ich nicht beantworten.

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