Wider den knappen Satz und die Hybris postulierter Klarheit

Nun: Gegen den kurzen Satz kann man als Autor kaum guten Gewissens auftreten. Aber wider seine literarische Prolongierung als Wiederholungstat. Er ist ein Stilmittel, keineswegs mehr. Er stellt sowohl das polemische als auch das lakonische Kleinkind sowie ein Ausrufungszeichen des Apodiktischen dar. Wer lange Wortfolgen nicht ertragen kann, mag weder Franz Kafka, der mit einem einzigen Satz Kurzgeschichten zu schreiben vermochte, noch Thomas Bernhard, den polemischen Vielredner, geschweige denn Dostojewski. Desgleichen wird so ein Jemand den Monolog der Molly Bloom verwerfen, aller Voraussicht nach auch Hermann Broch oder die Schriften des Paulus. Ständig wird man daher „das Kleist´sche Satzgefüge“ im Mund spazieren führen.

Freilich wird der Autor in langen Sätzen fortgerissen, vom Sprachfluss getrieben und er selbst muss entsprechenden Einhalt gebieten. Aber gerade hier, wenn der Vorgang diszipliniert erfolgt, wird die Sprachgewalt eines Schriftstellers augenfällig. Der kurze Satz in endloser Wiederholung kann bei einigen wenigen Momenten zu lichterfüllter Klarheit führen. Meine Person haben diese Autoren jedoch mit bescheidenen Ausnahmen recht rasch gelangweilt. Ich denke dann bei mir: weshalb sind die so langsam? Zwar bin ich für Verlangsamung, aber doch nicht, wenn ich ein Abenteuer beschreite, mich in die Wahrnehmungen eines anderen wage und dabei mein eigenes System hinterfrage. Warum bremst man diese Lernbereitschaft aus? Jetzt mag man einwenden, dass bei langen Sätzen Verdunkelungsgefahr bestehe. Ebenso birgt deren endlose Aneinanderreihung freilich die Gefahr der Geschwätzigkeit oder auch Nichtachtung des geneigten Lesers. Aber es muss sie an geeigneter Stelle geben! Und was die sprachliche Verdunkelungsgefahr betrifft: Ein Sinn ohne Licht kann ohnehin nicht verdunkelt werden.

Es lebe in diesem Zusammenhang das Adjektiv, da es den Vorzug treffenderer Beschreibung aufweist, die Stimmung trifft und den handelnden Personen offen begegnet, sowie zur Sprachgenauigkeit hin- und in die Zyklen des Sprachrausches hineinführt. Hier, in jenem Strom, dem der Autor bloß dient, wird der Leidenschaft des Schriftstellers ihr weites Feld als ihr Erbteil zugewiesen.

Zur Eindeutigkeit: Wer sie einfordert wird als Nächstes gar die Wirklichkeit einfordern. Bezüglich der Klarheit findet nur bei geräumiger Kunstfertigkeit eine Metabotschaft statt, meist jedoch keinerlei zwischen den Zeilen lesen, kein übergeordnetes Gesamtbild. Es fehlt das über den Spannungsbogen einer Geschichte durchherrschende Obertongefüge. Was hier gestattet ist, sei beim Namen genannt: Journalistik, beziehungsweise literarische Beliebigkeit. Darüber hinaus, falls ein poetisches Ziel vorformuliert wurde – Langeweile durch Einengung des Geistes. In der postulierten Klarheit finden selten künstlerische Prozesse statt, im Idealfall Kompositionen in straffem Gewand; meist sind es jedoch bloße Zuweisungen und fragmentarische Formeln, ein braves Malen nach Zahlen. Deutlichkeit ist zwar direkt, aber in ihren Aussagen nie klar genug, um Wertungen vornehmen zu können. Es ist wie in einem Drama: Da ist die Andeutung gleichfalls weitaus effektiver als das Vorzeigen einer Aktion. Kein Mensch würde in der bildenden Kunst eine solche Klarheit einfordern, sondern den Farbrausch. Auch in der Musik und ihrer mathematischen Garderobe erleben wird das Fortgerissen-Werden, das Fließen in ihrem Strom. Weder hier noch dort weiß man im Vorhinein, wohin es den Betrachter explizit tragen wird. Die Klarheit ist ein schmales Bächlein. Beinahe wie Wahrheit im absoluten Sinne.

Weshalb fordern dann die Lektoren den kurzen Satz und Deutlichkeit ein? Weil sie vor Matura beziehungsweise Abitur Cicero übersetzen mussten? Oder aufgrund der Tatsache, dass sie wie Pädagogen sind, die sich nur brave Kinder wünschen? Ob das der Realität entspricht? Falls sie mit den Unwägbarkeiten der Kindererziehung vertraut sein sollten, dann urteilen sie selbst. Dass Lektoren mit einfachen Sätzen weit weniger Arbeit haben liegt freilich auf der Hand.

Das Licht der Klarheit kann beim Lesen von Literatur jedenfalls genauso anhand größerer Schrift und ansprechender Haptik des Papiers hervorstrahlen. Zum einen, da zum Innehalten und Nachsinnen ermutigt wird, zum anderen, um gerne wieder in die Passage zurückzukehren, da ein gutes Buch mehr ausmacht als lediglich der Text. Dieser Gedanke sträubt sich freilich gegen den der Wirtschaftlichkeit. Wenn Malachi „Buck“ Mulligan im „Ulysses“ dröhnend die Treppe herabsteigt, um den introvertierteren Künstler Dedalus mit seiner sprühenden Lebenskraft zu demütigen ergibt augenblicklich ein Bild der Klarheit und des Lichts, das von mehreren Seiten herzu strömt. Den „Ulysses“ jedoch insgesamt Klarheit zu unterstellen wäre gewagt. Auch bei den Vertretern des Absurden könnte man kläglich scheitern. Gerade hier wurde allerdings im Bereich der Literatur, wenn schon nicht ein klarer Schlusspunkt, dann doch ein Semikolon gesetzt, wobei der weitere Fortgang des Gefüges wie ein mattes Erinnerungsloch noch im Unklaren liegt.

Es gibt kein deutlicheres Alleinstellungsmerkmal der Literatur als den Willkürakt. Es ist ein Anschreiben gegen das als unnütz Empfundene, das Derbe, die Gewalt ohne Kontrolle, das Dumpfe und Stumpfe im Miteinander, das Wesenlose, das sich mit Drachengeburten in die Bereiche des Wunderbaren zwängt. Es beruht auf heiligem Zorn und Liebe noch vor dem Abgrund und ist in seinen waghalsigen Gebärden einem heillosen Gefuchtel verwandter als kleinkrämerischer Klarheit.

 

Veraltete Ausdrücke hatten oft ihren heute bereits verlorengegangen Sinn. Wenn wir beispielsweise das Wort „Habe“ dem „Besitz“ entgegenstellen, so weist das alte, weichere Substantiv keinen religionistischen Bedeutungsschatten auf, obwohl es aus dem Bereich christlicher Religion stammt. Es deutet etwas Vorübergehendes an, welches dem Eigner im Verlauf seines Lebens mehrmals, vielleicht aber auch nur für kurze Zeit zukommt. Es wirkt vergleichsweise milde. “Besitz“ jedoch hat individualistischere Ausmaße und ist wie einzementierte Idolatrie mit vorweggenommenen Verteidigungsabsichten. Hier zeigt sich der Kulturwandel ins Anglo-Amerikanische mit seinen kindlich anmutenden Ideologien, wobei die christlichen Religionen in deren Abseits nur noch Verbrämungscharakter aufweisen.

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