West Side Story

Die tragisch endende Liebesgeschichte von Tony und Maria, das weltberühmte Musical des Dirigenten und Komponisten Leonard Bernstein, des Dramatikers Arthur Laurents und des Lyrikers Stephen Sondheim als Kammerstück aufzuführen – ist das denn möglich? In der Krypta der Wiener Peterskirche gelang dieses Kunststück, ohne dabei die Intensität der geballten Gefühlsregungen zu verlieren.

Shakespeares Romeo und Julia aus dem 16.Jhdt.werden durch Tony und Maria in den Fünfzigerjahren des 20.Jhdt. personifiziert. Die beiden feindlichen Familien der Capulets und Montagues werden zu zwei sich bekämpfenden jugendlichen Straßenbanden, den Sharks (Puertoricaner) und Jets (New Yorker), die nicht wie bei Shakespeare aus guten Häusern, sondern aus Einwanderern und zerrütteten einheimischen Familien stammen. Die sozialkritischen Texte sind leider auch heute noch aktuell. Der Hass der beiden rivalisierenden Jugendgruppen führt schließlich das tragische Ende herbei.

Im bis auf den letzten Platz voll besetzten Raum der Krypta konnte das Publikum hautnah die spannungsgeladene, temperamentvolle, rasante, mit erstaunlichen Tanzeinlagen gespickte Aufführung unter der Regie von Joel A. Wolcott verfolgen, der auch selbst den Action sang. Dass das gesamte Stück in englischer Sprache gebracht wurde war ein weiteres Plus.

Bernsteins Komposition, leichthin als Musical bezeichnet, ist eine volle Herausforderung an die jungen Sänger, nicht nur musikalisch und schauspielerisch, sondern auch körperlich. Die Choreographie von Angelika Ratej forderte viel von dem jungen einsatzfreudigen Team. Die unmittelbare Nähe zum Publikum verlangte präzise Bewegungsabläufe, besonders bei den Kampfszenen, was anscheinend mühelos gelang. Natürlich war, bedingt durch die kleine Bühne, nur Platz für fünfzehn Darsteller an Stelle der im Original 40 vorgesehenen. Doch diese fünfzehn brachten das Temperament von vierzig auf das Parkett.

Die Pianistin Ekaterina Nokkert, selbst auch Sängerin, zeigte mit ihrer musikalischen Leitung und Begleitung ihr umfassendes Können.

Für das jüngste Mitglied der Truppe, den siebzehnjährigen Wiener Ivan Beaufils mit seiner klaren Baritonstimme kann man eine große Karriere erahnen.

Die Sopranistin Anete Liepina und der Tenor Matthias Spielvogel waren ein rührendes Liebespaar, das gesanglich wie schauspielerisch so überzeugend wirkte, dass am Ende selbst dem bis dahin Emotionslosesten die Augen feucht wurden.

Verpackt in die Liebesgeschichte von Tony und Maria sind viele Probleme der Fünfzigerjahre Amerikas aufgezeigt. Aber sind die wirklich so unterschiedlich zu jenen des gegenwärtigen Europas? Die Umstände, die das tragische Ende dieser Liebe herbeiführen, sind nur ein wenig verschoben, sie sind leider zeitlos.

Hier war dem jungen Ensemble in der Krypta wieder einmal eine zeitgemäß interessante, schwungvoll mitreißende Aufführung gelungen.

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