Unmut

Unmut,

ja, das schien das Wort zu sein, das seinen gewachsenen Gemütszustand zutreffend beschrieb! Anhaltender Unmut! Ein Gemisch aus Widerwillen, sich verfestigender Griesgrämigkeit und Lustlosigkeit, oder: Unlust. Heute nannte man jenes mentale Ereignis „Frustration“. Ihm schien, das diese Wortwahl unzulänglich war, in die Oberflächlichkeit hinführte. Es beschrieb hinlänglich, erklärte wenig.

Das Schilf vor dem Teich schoss bereits auf. Er hatte bloß einen glatten, hindurchschauenden Blick dafür. Ein warmer März hatte die Pflanzenwelt rundum in frühe Blüte getrieben. Es sprossen der Flieder im Traubengepränge und die Kerzen der Kastanienbäume, himmelwärts ragend. Die Schönheit der Flora schenkte dem Menschen innere Wärme, verlieh ihm kreatürliche Würde. Es war die Zeit des Flanierens, der Verlangsamung. Das Ende der Raserei sollte es bedeuten, ein Abbruch der inneren Bedeckung durch den oberflächlichsten Lärm. Wie gewohnt stürmte es. Er versenkte die Hände in seine Hosentaschen, zog den Nacken in den Kopf. Der brausende, jammernde Wind pfiff durch die Häuser dieses Landstrichs, nahm der hiesigen Mentalität die Reste an Humor. Wochenlang bildete der die Bäume und Sträucher biegende Wind gewaltige, dramatisch wirkende Wolkenlandschaften. Baumwipfel streckten Ihr Geäst für die Länge ihrer Tage nach Osten, formten vor der nackten Weite fraktale Winterlandschaften. Man konnte sich kaum mehr auf das Frühjahr freuen. Es wurde durchgepeitscht. Mit ihm der bewegliche menschliche Geist, der beim Hinaussehen aus den Fenstern nach einiger Zeit anhaltenden Schwindel erfuhr.

Unmut. Wie bei allen Wörtern deutscher Sprache bezog sich die Endung auf das Gemüt. Bei Demut auf Niedriggesinntheit, bei Hochmut auf Hochherzigkeit, oder, wie man heute sagte, Überheblichkeit, Präpotenz. Missmut: das aufgrund einer Laune – wahrscheinlicher jedoch: einer Stoffwechselstörung oder Kreislaufschwäche – niedergedrückte Gemüt. Unmut bezeichnete somit den Widerstand gegen ein fremdes Ansinnen, das man abwehren und in die Schranken weisen wollte, da es eben Unmut erzeugt hatte, also eine Gefühlsregung, die sich der eigenen, zum Frohsinn und zur Lebensfreude hinneigenden Natur aufgrund spezifischen Verhaltens entgegenstellte. Nur: Gegen wen richtete sich sein Unmut – außer letztendlich gegen ihn selbst? Er hasste den Zustand sprachlicher Ungenauigkeit, da dieser in die Indifferenz führte, in das Plasma der Gleichgültigkeit gegenüber der Welt und dem Leben. Es leitete den Sorglosen in den schalltoten Raum menschlicher Niederungen als scheinbar letzten Ausweg vor dem Verlust der Persönlichkeit, dem sich prolongierenden Empfindungsmanko. Nebelwände verbargen dabei dem Sinn Endlichkeit speiende Abgründe. Die Sprache erhob den Menschen, beruhte auf Vereinbarung, der Dekodierung von Lautsymbolen. Noch mehr die Schrift! Sie verlieh den Gedanken Weite und Tiefe, genauere Annäherung an die Wirklichkeit und deren Unwägbarkeiten. Das menschliche Wesen gierte auf diesbezügliche Vereinbarungen. Der Umgang miteinander und mit der Welt verblieb von Anfang an auf Entgegenkommen und steter Kompromissbereitschaft. Er sagte sich den letzten Satz laut vor, um seinen Geist in Zucht zu nehmen.

„Unrund! Du bist unrund. Seit Tagen. Was ist nur mit dir los?“, hatte Phoebe ihn gefragt. Dabei viertelte sie Tomaten, ohne zu ihm aufzublicken. Er murrte nur, dann sprach er deutlich in die resonierende Küche:

„Manchmal wache ich auf und glaube ich bin ein Ei.“

„Aha“, meinte Phoebe trocken.

Er hatte die Siegerin eines Verlagswettbewerbes zitiert, deren ersten Satz in ein Stecknadelfallenhören. Daraufhin hatte diese aufgeblickt, die volle Aufmerksamkeit der Zuhörerschaft gewahrend. Sie war wohl selbst überrascht gewesen. Ein hübsches Wesen, sympathisch, dachte er. Er hatte sogleich über die Aussage nachgedacht: manchmal wache ich auf. Nicht morgens oder nachts. Dann wohl untertags, bei Bewusstsein. Das war für jedermann wünschenswert. Als Nächstes: zu glauben, man sei ein Ei. Vielleicht handelte es sich dabei um Symbolismus: Das Ei als Keimzelle des Lebens, ein Fruchtbarkeitssymbol, reinstes Eiweiß, das den weichen Kern des Lebens umschloss, ein neues Versprechen an die Welt, etwas Ungeborenes. Tagsüber aus seinem Trott aufzuwachen und – ohne zuerst zu denken – sofort die Glaubensüberzeugung zu hegen, ein Ei zu sein, konnte auch entfernt an Franz Kafkas „Verwandlung“ erinnern.

Jedenfalls, nachdem er seinen Unmut gemäßigt hatte, war ihm klar geworden, dass es hier wieder einmal nicht um Literatur gegangen war. Es handelte sich um weitaus mehr: Dieses Ei-Sein stiftete der Zuhörerschaft offenbar weiten Identifikationsspielraum. Die gesellschaftliche Verstörung hatte weiter um sich gegriffen als von ihm ohnehin vermutet. Nun war also endlich das sinnstiftende Ei gefunden worden. Dieses kompetitive „Verlags-Event sucht den Superstar“-Jurorenkonglomerat war in Ehrerbietung aufgebrochen. Wie absurd! Ebenso hätte man Bob Dylan für den Literatur-Nobelpreis vorschlagen können!

Unmut. Unrund. Unlust. Mit der Grimmassierung eines Schreienden hätte er ihnen gerne in deren Gesichter geflüstert: „Nur ein Talent vermag ein Talent zu erkennen!“

 

Wolfgang Anders

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