Trip in die Vergangenheit

Wohin wendet man sich in Wien, will man als Nichtakademiker, ohne Publikationen außerhalb einiger Anthologien, Belletristisches vortragen? An das „Literarische Quartier“ der „Alten Schmiede“ im ersten Wiener Gemeindebezirk, werden Sie sagen. Nun: Als Nichtakademiker, meinte ich – außerhalb der Germanistikbruderschaft literarischer Beliebigkeiten, wo Ernst Jandl das lyrische Gedächtnis der Nation zugekleistert hat und die Prosa in permanenter Selbstverkleinerung dahinvegetiert. Sie werden in schmuddeligen Cafés stranden, in deren Hinterzimmern man Texte vorträgt, die vom Sprachrhythmus her an Schulaufsätze erinnern. Oder in einem muffigen, unverputzten Keller, dem schlecht getarnten Proberaum einer Heavy-Metal-Band. Man sitzt da wie eine Ratte in einem Loch, während drei gealterte Saurier der Linken, teils übel riechend, Texte von Bertolt Brecht und Karl Kraus vortragen. Das Ambiente ist der genannten Dichter überaus unwürdig und der deutschsprachigen Literatur in hohem Maße abträglich. Die drei Herren bilden den festen Kern eines Literaturkreises, und sie weisen auch das intellektuelle Rüstzeug dafür auf. Eigenes kommt dabei beinahe gar nicht vor. Man zelebriert kurz vor dem Tod noch schnell die eigene Vergangenheit. Es stinkt.

Die „politische Literatur“ der Siebzigerjahre hat die deutschsprachige Dichtung versandelt und sie hat sich bis zum heutigen Tag kaum davon erholt. In meiner Jugend war ich selbst Teil der sogenannten „Alternativszene“. Aber die Lokale waren damals nur halb so verkommen. Man ist heruntergekommen. Diese Not wird auch von geschäftstüchtigen Leuten gehörig ausgenützt, auch wenn es offenbar für eine dringend benötigte Zahnbehandlung nicht reichen dürfte. Immerhin hat man den Herrschaften dem Vernehmen nach die Förderung gestrichen. Es ist jedenfalls insgesamt eine Schande, die dem gesamten Literaturbetrieb unaufhörlich ins Gesicht gemalt gehört!

Print Friendly, PDF & Email

Comments are closed.