Soll das Bildungssystem an das Beschäftigungssystem angekoppelt werden?

Bevor man sich die Frage stellt, ob sich das Bildungssystem an dem Beschäftigungssystem orientieren soll, muss definiert werden, was man unter Bildung eigentlich versteht und wann der Bildungsbegriff das erste Mal in der Geschichte aufgetreten ist.

Nach Daniel Goeudevert ist Bildung „ein aktiver, komplexer und nie abgeschlossener Prozess, in dessen glücklichem Verlauf eine selbstständige und selbsttätige, problemlösungsfähige und lebenstüchtige Persönlichkeit entstehen kann.“ Ihm zufolge kann Bildung daher nicht auf Wissen reduziert werden. Wissen sei zwar nicht das Ziel der Bildung, aber stelle sehr wohl ein Hilfsmittel dar. Darüber hinaus setzt Bildung Urteilsvermögen, Reflexion und kritische Distanz gegenüber dem Informationsangebot voraus; andernfalls handelt es sich eher um Halbbildung.

Kössler zufolge ist Bildung der Erwerb eines Systems moralisch erwünschter Einstellungen durch die Vermittlung und Aneignung von Wissen derart, dass Menschen im Bezugssystem ihrer geschichtlich-gesellschaftlichen Welt wählend, wertend und stellungnehmend ihren Standort definieren. Er behauptet sogar, dass Bildung Identität bewirke.

Das sind nur zwei von unzähligen Auffassungen über den Bildungsbegriff. In diesem Zusammenhang ist es interessant sich Heids These zu Gemüte zu führen, der meint, dass sich zwar noch argumentieren läss ,was Bildung sein solle, was Bildung allerdings ist, werde in der Regel über das Gegenteil definiert. Zwar ist man sich einig, dass Bildung in der Abgrenzung zur Ausbildung zu sehen ist, jedoch ist man sich keineswegs einig, was Bildung tatsächlich ist. Sucht man nach der Bedeutung des Begriffs Bildung im österreichischen Wörterbuch so stößt man auf die Definition, dass Bildung erworbenes Wissen und geistige Formung beinhaltet. Die historische Entwicklung dieses komplexen Begriffs hat ihren Anfang in der Antike. Obwohl man in der Antike noch nicht den Begriff Bildung verwendete, waren die Ideen, die diesen Begriff prägen sollten, doch schon präsent. Platons Höhlengleichnis schildert insbesondere den Vergleich des menschlichen Daseins mit dem Aufenthalt in einer unterirdischen Behausung. Gefesselt, mit dem Rücken gegen den Höhleneingang, erblickt der Mensch nur die Schatten der Dinge, die er für die alleinige Wirklichkeit hält. Löste man seine Fesseln und führte ihn aus der Höhle in die lichte Welt mit ihren wirklichen Dingen, so würden ihm zuerst die Augen wehtun, und er würde seine Schattenwelt für wahr, die wahre Welt für unwirklich halten. Erst allmählich, Schritt für Schritt, würde er sich an die Wahrheit gewöhnen. Kehrte er aber in die Höhle zurück, um die anderen Menschen aus ihrer Haft zu befreien und von ihrem Wahn zu erlösen, so würden sie ihm nicht glauben, ihm heftig zürnen und ihn vielleicht sogar töten.

Der deutsche Begriff hat seinen Ursprung im Mittelalter, vermutlich als Begriffsschöpfung Meister Eckhardts im Rahmen seiner Imago- Die Lehre, demzufolge ist der Begriff theologischen Ursprungs und hat zur Folge, dass Bildung ein Prozess ist, worauf der einzelne Mensch keinen Einfluss hat. Es ist ein Prozess der von außen an den Menschen herangetragen wird. Das Ziel dieses Prozesses ist in der Schöpfung festgelegt und durch Gott bestimmt. Die Etablierung des Begriffs Bildung in die Pädagogik erfolgte im 18. Jahrhundert, als ein neues Menschenbild auftrat, das den Menschen nicht mehr bloß als Abbild Gottes sah, sondern das das Ziel der menschlichen Vervollkommnung innehatte. Die Bildungsziele waren nun nicht mehr durch Gott vorgegeben, sondern durch die Notwendigkeit als Mensch in einer Gesellschaft leben zu können. Der Mensch sollte geformt werden, um ein nützliches Mitglied in der Gesellschaft werden zu können. Erst im deutschen Idealismus wird Bildung als Bildung des Geistes verstanden, der sich selber schafft. Humboldt erhebt schließlich Bildung zum Programm. Sich zu bilden sei ein Bedürfnis des Menschen, das im Inneren angelegt sei und erweckt werden müsse. Humboldt erschuf ein mehrgliedriges Schulsystem in dem jeder nach seinen Fähigkeiten und Anforderungen, die die Gesellschaft an ihn stellt, gefördert wird. Humboldt geht es hierbei jedoch nicht um empirisches Wissen, sondern lediglich um die Vervollkommnung der Persönlichkeit und das Erlangen von Individualität. Dieses ,,Sich- bilden’’ dient somit keinem materiellen Ziel, sondern um seiner selbst willen. Anhand der Geschichte des Bildungsbegriffs zeigt sich wie viele Bedeutungen dieser bereits durchlaufen hat, angefangen von der religiösen Bedeutung über die Persönlichkeitsentwicklung bis hin zur Ware Bildung.

Die Schule ist ein Ort, an dem Bildung vermittelt werden soll und von dem zunehmend seitens vieler Unternehmen gefordert wird, dass sie Kinder und Jugendliche bereits auf das Leben soll, indem sie die Berufs und Arbeitswelt, einschließlich der unternehmerischen Selbstständigkeit, in den Lehrplan aufnimmt. Trotz Zweifeln dominiert die Auffassung, dass die Schule einen Beitrag zur Vorbereitung auf unternehmerische Selbstständigkeit leisten kann. Als zentrale Leitideen schulischen Arbeitens sollten die Förderung der Persönlichkeitsentwicklung, Förderung der (Selbst) Bildung und Qualifizierung, die Erziehung zu Selbstständigkeit und verantwortlicher Mitgestaltung stehen– in der eigenen Lebensführung wie im gesellschaftlich- politischen Umfeld und im Blick auf den weiteren beruflichen Werdegang. Mit schulischen Inhalten könnten bestimmte Grundhaltungen bei den Schülern geschaffen werden, die dann für ein selbstständiges Arbeiten unabdingbar sind. Die Persönlichkeitsentwicklung sollte somit verstärkt in das Zentrum schulischer Bemühungen treten.

Bildungskonzepte und Lehrinhalte kommen heutzutage nicht mehr umhin, sich den Anforderungen des Beschäftigungssystems zu stellen. Bevor nun näher auf diese Forderung eingegangen werden soll, sollte zuerst geklärt werden nach welchen Kriterien überhaupt eine Auswahl von Bildungsinhalten erfolgt. Saul B. Robinsohn formulierte drei Kriterien, die als ,,Berliner Modell’’ bekannt wurden. Zum einem sollen Bildungsinhalte eine Bedeutung eines Gegenstandes im Gefüge der Wissenschaft, und somit auch die Voraussetzung für ein weiteres Studium und eine weitere Ausbildung darstellen. Des Weiteren soll die Leistung eines Gegenstandes für Weltverstehen, das heißt für die Orientierung innerhalb einer Kultur und für die Interpretation ihrer Phänomene gegeben sein. Abschließend soll die Funktion eines Gegenstandes in spezifischen Verwendungssituationen des privaten und öffentlichen Lebens sollte gewahrt sein. Angesichts der heutigen Ansprüche seitens der Wirtschaft wie auch der Vehemenz und Geschwindigkeit, mit der entsprechende Reformen im Bildungswesen umgesetzt werden, stellt sich auch für die Erziehungswissenschaft die Frage nach ihrer Positionierung. Während nun eine breite Schicht der österreichischen Gesellschaft immer mehr eine Umstrukturierung des Lehrplans fordert, äußern Erziehungswissenschaftler große Kritik an einer Umstrukturierung. Eine Kopplungsbereitschaft des Bildungssystems an das Beschäftigungssystem erscheint weder dauerhaft noch verlässlich zu sein. Von der Erziehungswissenschaftlerin Ines Breinbauer wurde festgestellt, dass eine fragwürdige Dominanz des Konkurrenzprinzips herrscht, dieses schlage sich ungeachtet seiner problematischen Aspekte auf das Bildungssystem durch und führe zur Aufgabe eines jeden Anspruchs, Schule, Aus- und Weiterbildung an anderen Zielen auszurichten, als an denen der Verwertbarkeit. Ihr zufolge stellt eine Kopplung des Bildungssystems an den Arbeitsmarkt keine nachhaltige Bildung dar, sondern lediglich eine möglichst arbeitsplatznahe Ausbildung. Die Ausrichtung des Bildungssystems am Beschäftigungsmarkt erscheint mittlerweile auch der Europäischen Union fragwürdig. Der EU erscheint es deshalb fragwürdig, weil kaum ein Unternehmen eine konkrete Betriebsplanung über einen längeren Zeitraum als zwei Jahre vorzuweisen hat. Berufsqualifizierende Ausbildungen seien somit mit einem hohen Unsicherheitsrisiko verbunden. Ines Breinbauer erwähnt einen weiteren Grund, der zu Bedenken an einer Ankopplung des Bildungssystems an den Beschäftigungsmarkt führt. Diese Bedenken belegt sie mit einer Studie, die zeigt, dass in manchen Branchen kein genereller Qualifizierungsbedarf ermittelt werden kann.

Alleine aufgrund dieser öffentlichen Debatte über das Thema Bildung und Arbeitsmarkt zeigt sich, dass in der heutigen Gesellschaft die Grenze zwischen privat und öffentlich verwischt ist. Ruhloff kritisiert in diesem Zusammenhang, dass mehr oder weniger alles Private und Partikulare ohne Übersetzungsanstrengung , ohne die problematisierende Kontrolle der Frage, was allgemein anerkannt werden könnte, als öffentlich und zugleich allgemein Relevante erachtet wird. Wenn man sich an Kant zurückerinnert so forderte dieser Mut sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Wenn man nun nur den Anforderungen der Gesellschaft folgt und seine Interessen, denen der Allgemeinheit unterstellt, so kann man dieser Aufforderung nicht nachkommen Der heutige Arbeitsmarkt ist ein sehr dynamischer Bereich, der ständig neuen Anforderungen unterworfen wird. Es geht darum, sich auf ständig ändernde Probleme einstellen zu können und mögliche Lösungen zu entwerfen und zu beurteilen. Bildung hat nunmehr den Zweck gewisse Denkmuster beizubringen, die man in einer Vielzahl von Situationen anwenden kann. Vergleicht man nun die Anforderungen des sich ständig verändernden Arbeitsmarktes mit den Anforderungen der Bildung an den Einzelnen so lässt sich eine Gemeinsamkeit finden, und zwar, dass von beiden Faktoren ein ständiges Lernen erfordert wird. Wissen und Bildung sind ein vergängliches Gut, das man immer wieder auffrischen muss und genau so verhält sich das im Berufsleben. Man muss sich ständig weiterbilden, um weiterhin auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich bestehen zu können. Ein einmaliges Aneignen von Wissen reicht hierzu nicht mehr aus, da die Gesellschaft ständigen Veränderungen unterworfen ist. Der Begriff des Lifelong Learning ist ein vergleichsweise junges Konzept, das Ende 2000 dem Rat der BildungsministerInnen auf europäischer Ebene in Form des ,, Memorandum über Lebenslanges Lernen ’’ vorgelegt wurde. Die Definition des Lebenslangen Lernens umfasst demnach alle zielgerichteten und zweckmäßigen Lerntätigkeiten, die eine kontinuierliche Verbesserung von Kenntnissen, Fähigkeiten und Kompetenzen nach sich ziehen. Mit dieser Definition werden sämtliche Lernaktivitäten von frühester Kindheit bis ins Alter, alle Formen von Lernaktivitäten, einschließlich des nichtformalen Lernens, sowie aller Lerninhalte, die zu einer Verbesserung der individuellen Fähigkeiten beitragen unter lebenslangem Lernen subsumiert und die Anstrengungen nicht auf beschäftigungsrelevante Qualifikationen beschränkt.

Longlife learning sollte somit nicht lediglich auf den Berufsalltag beschränken, sondern auch dem Wohlergehen des Individuums dienen. Der Einzelne sollte nicht sein Leben lang bloß für seine ,,Employability’’ sorgen.

Um in der Frage, ob das Bildungssystem an eine Beschäftigungssystem angekoppelt werden soll, einen Ansatzpunkt für eine Lösung zu finden, wäre es sinnvoll sich mit Ruhloff zu beschäftigen, der eine vernünftige Kritik mit der Aufgabe die Grenze zwischen berechtigter beziehungsweise unvermeidlicher Abhängigkeit einerseits und relativ unabhängigen Handlungsmöglichkeiten andererseits zu ermitteln. Dabei hat jedoch die Idee eines ’’Allgemeinen’’ maßgeblich zu bleiben. In dieser müssen Individuen ihren Platz finden können. Das heißt sich weder mit dem Allgemeinen zu identifizieren noch durch Allgemeinprojektionen mediatisiert zu werden. Der deutsche Bundespräsident Johannes Rau hat letzthin sein Verständnis von Bildung auf folgende Formel gebracht: Ihm zufolge sind die drei bleibenden Ziele von Bildung: die Entwicklung der Persönlichkeit, die Teilhabe an der Gesellschaft und die Vorbereitung auf den Beruf. Diese drei Ziele stehen keineswegs unverbunden miteinander. Wenn man Raus Ziele der Bildung und Jörg Ruhloffs Warnung sich mit den Allgemeinen zu identifizieren, im Hinterkopf behält, dürfte einem neuen Überdenken des Bildungssystems nichts mehr im Wege stehen.

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