„Schreiben als metaphysischer Prozess?“

Der Themenlage vorauszuschicken ist, dass der Verfasser nachfolgender Zeilen keinerlei Sympathien für esoterische Anwandlungen in sich trägt, ja sogar allem Homöopathischen abgründig gegenübersteht. Auch dass hier, thematisch betrachtet, nicht die metaphysische englische Dichtung des Barock gemeint ist. Nun wird man als Leser von Hochkulturellem – etwa bei Thomas Mann, James Joyce oder Hermann Broch – immerhin sehr wachen Geistern ihrer Zeit -, und in besonderem Sinne auch in Verbindung mit Hölderlin und dessen „himmlischem Rhythmus“ immer wieder auf den Begriff des Metaphysischen stoßen.

Doch zunächst eine kleine Begriffsgeschichte aus der Navigationsmaschinerie: Der Begriff „Metaphysik“ steht nach heutiger Mehrheitsmeinung in Verbindung mit einem Werk des Aristoteles, das aus vierzehn Büchern allgemeinphilosophischen Inhalts bestand.

Andronikos v. Rhodos (1. Jahrhundert v. Chr.) ordnete in der ersten Aristotelesausgabe diese Bücher hinter dessen 8 Bücher zur „Physik“ ein. Dadurch entstand die Bezeichnung „Metaphysik“, was also eigentlich bedeutet: „das, was hinter der Physik im Regal steht“. Was aber gleichzeitig didaktisch meint: „das, was den Ausführungen über die Natur folgt“ bzw. wissenschaftlich-systematisch bedeutet: „das, was nach der Physik kommt“.

Aristoteles selber verwendete den Begriff nicht.

Seit dem 19. Jahrhundert wird das Adjektiv „metaphysisch“ besonders in abwertender Weise im Sinne von „zweifelhaft spekulativ“, „unwissenschaftlich“, „sinnlos“, „totalitär“ oder „nicht-empirische Gedankenspielerei“ verwendet. Zusammengenommen also alles Bereiche welche der Schriftstellerei, oder im Falle des Adjektivs „sinnlos“ im pragmatischem Sinn, Kunst im Allgemeinen zuzuordnen sind.

Man kann in diesem Zusammenhang beispielsweise „totalitär“ durch „apodiktisch“ ersetzen und dabei an Thomas Bernhard denken, der zwischen Montaigne und Wittgenstein seine eigenen anhaltenden Monologe formulierte, sowie Theaterfiguren schuf, die neben der eigenen keine andere Meinung dulden wollen.

Der Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit von Autoren wird schließlich von wissenschaftlicher Seite ja tatsächlich gerne erhoben. Nur merkwürdig, wie wohl und sicher man sich als Autor dabei fühlt. Gleich kann man dabei an Lawrence Durrells lebenslange Abneigung gegen die Archäologie denken, die er von seinem Aufenthalt auf Korfu in jungen Jahren bis hin zur Beschreibung des sizilianischen Karussells als älterer Mann mit ausladenden Worten dokumentiert. Er misstraute auch der Geschichtsschreibung zutiefst – wohl weil er von Natur aus selbst einen spekulativen Geist aufwies und sich dessen auch bewusst war.

Doch kommen wir – eilfertig dem wissenschaftlichen Geist nachfolgend zu den Themen der Metaphysik:

Ziel der Metaphysik ist die Erkenntnis der Grundstruktur und Prinzipien der Wirklichkeit. Nichts weniger als das. Die klassische Metaphysik stellt eine Grundfrage: Die Frage nach einer letzten Erklärung dessen, was die Wirklichkeit als solche ausmacht.

Diese Frage trieb auch Hermann Broch Zeit seines Lebens um, nämlich die Versachlichung der Gesellschaft im Wertezerfall und die sich daraus ergebenden ethischen Fragen, denen nur noch die Literatur in der mythischen Dichtung des erkenntnistheoretischen Romans begegnen könne.

Als nicht philosophisch gebildeter Mensch halte ich die Frage nach einer letzten Verstandeserklärung was Wirklichkeit ausmacht, für problematisch, da sie zwangsläufig von der Interpretation eines Beobachters ausgehen muss – also einem vernunftbegabten Bewusstsein – wobei das menschliche Bewusstsein selbst nur metaphysisch „erklärbar“ ist. Sie beruht auch auf der Hybris einer vorausgesetzten möglichen Objektivierung durch letztlich vergesellschaftete Wahrnehmung, also dem akademisch gebildeten Zeitgeist und seinen unvermeidbaren Irrungen im astigmatischen Okular seiner Selbstwahrnehmung. Da die Schriftstellerei eindeutig wahrnehmungsbelastet ist und dies jedem Schreibenden auch bewusst sein muss, schließt sich die Frage nach einer letzten Erklärung dessen, was Wirklichkeit endgültig sei zumindest innerhalb des Metiers des Schreibens aus. Unser Metier ist nicht alleine die banal oder metaphysisch determiniert erfahrene Wirklichkeit, sondern auch ihre spielerische Überhöhung durch Form und Inhalt. Durch diese Überhöhung versuchen wir uns der Wirklichkeit ein Stück weiter anzunähern, stets im Bewusstsein, dass die Sprache – selbst bei genauestem Gebrauch und größerer Weite – als Wahrnehmungsannäherung zu undeutlich auftritt. Nicht das niedergeschriebene Wort alleine, sondern die daraus anhand von Form und Geschichte entstehende Stimmung ergibt eine Art Meta-Botschaft.

Dabei erhebt sich sogleich die Frage was Ästhetik sei und welche Rolle sie in diesem Prozess spielt. Eine Frage die auch den jungen Joyce beschäftigte (und Broch nicht im Mindesten tangierte), nachzulesen in „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“ gegen Ende des Romans in den Dialogen mit dem Dekan und später, merklich selbstbewusster mit seinem seltsamen Freund Lynch, wobei er sich noch für Definitionen über Schönheit und Wahrheit erwärmt. Auf Seite 200[1] heißt es über ihn selbst (und hier zeigt sich das metabolische Wirken von Sprache als seinem Zugang zum „Metaphysischen“):

„Sein eigenes Sprachbewusstsein ebbte hinaus aus seinem Hirn und sickerte in die Wörter selber, die sich auf einmal in eigensinnigen Rhythmen zusammenfanden und trennten …“

Er beschreibt hier sowohl einen ihn durchlaufenden als auch aus ihm hinausdrängenden Prozess, eine Anregung die sowohl von Innen, als auch kulturhistorisch bedingt von Außen kommt.

Denn zum einen (was die Anregung von Innen betrifft): Was ist „Sprachbewusstsein“? Und wodurch wird es bedingt? Oder modern formuliert: Gibt es pränatales Vorwissen, eine genetisch determinierte Verlinkung des menschlichen Geistes in all seinen verschiedenen Talenten und Ausformungen, sowohl im Allgemeinen als auch im Besonderen?

Zum anderen (was die Anregung v. Außen betrifft): Die „eigensinnigen Rhythmen“ beruhen freilich nicht nur auf Joyce´ ureigenem Ansinnen, sondern weisen sofort ein Eigenleben in ihm auf, da Joyce trotz seiner enormen Polyglottie primär dem Grundrhythmus des Englischen und dessen Lauten folgt und – äußerst bewusst – auch der Geschichte Irlands.

Doch kehren wir in Verbindung mit unserem Thema zurück zu den selektiven Ausuferungen der Philosophie. Im Einzelnen behandelt die klassische Metaphysik Themen wie:

Grundbegriffe und Prinzipien der Ontologie – Sein und Nichts, Werden und Vergehen, Wirklichkeit und Möglichkeit, Freiheit und Notwendigkeit, Geist und Natur, Seele und Materie, Zeitlichkeit und Ewigkeit usw.

Universalienprobleme – Was entspricht den Bausteinen unserer Sätze und Gedanken, worauf nehmen diese Bezug, wodurch werden sie wahr gemacht?

Referenz von normativen und deskriptiven, Wert- und Seinsaussagen.

Streifen wir auch flüchtig: Systematik und Methodik.

  1. Die Ontologie (befasst sich mit einer Einteilung des Seienden und den Grundstrukturen der Wirklichkeit und der Möglichkeit)
  2. rationale Theologie, Psychologie und
  3. Kosmologie:

Metaphysik kann verschieden vorgehen (ohne näher darauf einzugehen):

  1. Sie ist deduktiv bzw. spekulativ
  2. Sie ist induktiv
  3. Sie lässt sich aber auch als reduktiv begreifen wenn man sie nur als spekulative Überhöhung jener Überzeugung auffasst, die Menschen immer schon voraussetzen müssen, um überhaupt erkennen und handeln zu können.

Mit letzter, also der reduktiven Metaphysik kann man sich als Autor leicht abfinden, obwohl sie keine weitere Erkenntnis voraussetzt als nur den einen Gedanken an sich selbst.

Nun zu der zentralen thematischen Frage: Was könnte man als Autor unter dem Begriff Metaphysik verstehen – freilich auf den Prozess des Schreibens bezogen?

Die Antwort ist überraschend einfach: bei intensiven Schreibprozessen können zwei verschiedene Zustände empfunden werden, die man als „metaphysisch“ oder besser: metaphysisch-metabolisch, bezeichnen kann. Zum einen das beharrliche Gefühl, dem Fluss der Sprache lediglich als deren Diener nachzufolgen (Ähnliches hört man immer wieder auch aus dem verwandten Bereich der Musik) und zum anderen die Tatsache, dass Geschichten sich im Laufe des Schreibprozesses ohne merkliche Einwirkung von Außen zu verselbständigen beginnen.

Weshalb kann man sagen, dass es sich hierbei um einen metabolischen Prozess handelt?

Weil Schreiben ein meditativer Verdauungsakt individualisierter und meist unbewusst weitergetragener Menschheitsgeschichte ist.

Er ist sowohl zusammen mit den eigenen Kindheitsgeschichten – und zum Teil auch durch sie – mit allen Geschichten der Menschheit emotional verstrickt und mental verbunden. Vom Gilgamesch-Epos über Homer, dem griechischen Theater der Antike, den religiösen Büchern seines Kulturkreises bis hin zum modernen literarischen Roman, aber auch mit der Werbung und allem gesellschaftlich verordnetem Schund. All dies fließt in ihm zusammen und erregt das schöpferische Potential. Der Autor ist wie ein nachts träumendes Gehirn mit beinahe unermesslichem Interpretationsspielraum. Es können dabei innere Begegnungen stattfinden, die den Schreibenden selbst überraschen und ihm gedankliche Weite vermitteln, die ihm im banalen Alltag nicht verfügbar sind. Er schöpft aus der vorhandenen, ihm verfügbaren Sprachform bereits vorgefasste, bedeutungsgeladene Wendungen, erliegt dem vorherrschenden Rhythmus der verwendeten (Mutter-)Sprache, sowie den Lauten der ihm zur Verfügung stehenden Worte und teilt sich erst dann über „seine“ Geschichte mit.

Er erklingt somit mit der gesamten Menschheit, auch weil er nicht nur für sich alleine schreibt, sondern für eine mögliche Leserschaft (nur 0.03% aller Schriftsteller können lt. 1 UNESCO-Studie v. ihrer Tätigkeit leben). Es ist somit ein verschobener Akt der – wie es im Deutschen so sinnfällig heißt: Zuneigung.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die philosophischen Begriffe in Zusammenhang mit Literatur nur sehr allgemein greifen, dass das Schreiben eine dienende Form aufweist und trotz des Versinkens in der eigenen Einsamkeit während des Schreibprozesses des Autors im Grunde immerzu einen Akt der Liebe und Zuneigung darstellt (es sei denn man schreibt „kalte Bücher“ und ist damit auch ein Konstrukteur gesellschaftlicher Kälte). Auch oder gerade während des Verfassens herbster und schärfster Kritik an der Gesellschaft und seinen Mitmenschen, da Künstler immer ethisch denkende hypersensitive Idealisten sind; wobei man freilich alle Mängel der Unvollkommenheit abziehen muss, wie etwa Zwänge und Neurosen des geschätzten Autors.

Im Grunde aber geht es in irgendeiner Form immerzu um Liebe oder zumindest Zuneigung: zu den Menschen, dem Leben oder zur Welt.

Und Liebe oder Zuneigung in Verbindung mit dem Streben nach Erkenntnis, Einsicht und Verständnis ist der größte metaphysische – od. besser: metabolische Prozess, den ein Mensch auf diesem herben Planeten freiwillig durchlaufen kann.

[1] Bibliothek Suhrkamp, James Joyce „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“, S. 200

Wolfgang Anders

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