Musical „Ein Wenig Farbe“ – Rezension

„Nie mehr im Dunkeln“

Gestern (04.05.) ging in der Theatercouch die Weltpremiere des Musicals „Ein Wenig Farbe“ über die Bühne. In der von Rory Six geschriebenen One-Woman-Show ist die wie immer brilliante Musicaldarstellerin Pia Douwes unter der Regie von Andreas Gergen zu sehen. Die Transgender-Story ist nicht als leichte Unterhaltung gedacht, sondern soll vor allem zum Nachdenken über die gegenwärtige Gesellschaft und die von dieser festgelegten Geschlechterrollen anregen.

Morgen ist es endlich soweit. Dann soll für Helena, die früher Klaus hieß, die letzte, für die Geschlechtsangleichung notwendige, Operation stattfinden. In ihrer Aufregung vor dem kommenden Tag beginnt sie darüber zu sinnieren, wie sie überhaupt zu diesem Punkt in ihrem Leben gekommen ist. Was folgt ist eine Reise in die Vergangenheit, in der Helena über ihr erstes Interesse an Frauenkleidung und Schminke als Jugendliche(r) (‚Ein wenig Farbe‘) und ihre erste Liebe in der Schule, David Steiner, erzählt bzw. singt. Vor allem die lange Unterdrückung der weiblichen Seite, zunächst durch die eigenen Eltern und dann sich selbst, ist ein wichtiges Thema, genauso wie der Wunsch nur ein ‚ganz normales‘ Leben zu führen. Aber nach fünfzig Jahren, einer Heirat und zwei Kindern, ist für Helena, damals noch Klaus, Schluss. Als er sich für eine ‚Gender Bender‘-Kostümparty als Frau verkleidet, wird ihm klar, dass er endlich zu sich selbst finden und diesen wichtigen Schritt wagen will: von Klaus zu Helena.

Pia Douwes schlüpft in diesem One-Woman-Stück dafür in 14 verschiedene Rollen. Neben Helena (bzw. Klaus) ist sie hier u.a. als Therapeutin, seine Frau Caroline, deren Söhne Lukas und Elias, und Robert, einem Transvestiten, zu sehen. Scheinbar ungeschminkt. haucht sie mit Hilfe nur weniger Accessoires (z.B. Brille, Haarband und Kapperl) den verschiedensten Charakteren Leben ein. Das Bühnenbild selbst kann als spartanisch beschrieben werden. Neben einem Koffer, mit Kulturbeutel und Kleidern, sowie einem Tisch mit Stühlen und einer weißen Tür, an der verschiedene Kleidungsstücke hängen, lässt die Bühne viel Platz für künstlerische Freiheiten. Dennoch steht Pia Dowes nicht immer völlig allein auf der Bühne. Sie wird zwischenzeitlich von einem Jungen unterstützt, der als Komparse das 14-jährige Ich von Klaus verkörpert.

Neben einiger humoristischer Momente, besteht offensichtlich das zentrale Ziel des Musicals darin das Publikum zum Nachdenken zu bewegen. „Theater soll etwas auslösen. Wenn Zuschauer*innen berührt sind und im Anschluss über ein Thema zu diskutieren beginnen, haben wir etwas erreicht“, sagt Pia Douwes. Das ist ihr und Rory Six mit Sicherheit gelungen. So wird das Thema Transgender in Film, Fernsehen und Online schon länger behandelt. Nun hat es mit dem Musical „Ein Wenig Farbe“ auch im Theaterbereich eine neue Darstellungsform gefunden. Wichtig ist dabei, dass nicht nur gezeigt wird, wie sich die Transgender-Person selbst fühlt, sondern wie auch die Gesellschaft, insbesonders die Familie und der Freundeskreis, darauf reagiert. So regt das Stück möglicherweise dazu an von der Gesellschaft als ‚normal‘ definierte Geschlechterrollen zu hinterfragen.

Insgesamt ist das Stück „Ein Wenig Farbe“ ein sehr gelungener Versuch das Thema Transgender in Form eines Musicals für ein Theaterpublikum fassbar zu machen. Neben Rory Six, der u.a. mit „Ein Wenig Farbe“, „David Steiner“ und „Nie mehr im Dunkeln“, das auch das Werk beschließt, einige eingängige (und unterhaltsame) Nummern für ein gut durchdachtes Musical geschrieben hat, ist es vor allem Pia Douwes, die mit ihrer Stimme und Darstellung zahlreicher Charaktere dieses Werk so unvergesslich macht. Es ist noch bis Ende Mai in der Theatercouch zu sehen, Tickets sind noch erhältlich!

Text: Barbara Klaus

Bilder: © Simone Leonhartsberger

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