Instrumentalisieren und interpretieren

Das erste ist ein gräßliches Wort, während man das zweite geradeso noch gelten lassen kann. Ich möchte mit beiden ein wenig abrechnen.
Mit dem ersten werden nur zu gern gewisse Vorwürfe formuliert. „Der oder die instrumentalisiert dieses Geschehen für eigene Zwecke, die eigene Profilierung, zur Propaganda“ usw. Das ist von Anfang bis Ende deswegen Stuß, weil jeder von uns – vor allem, wenn er oder sie glaubt, eine eigene, vielleicht etwas wacklige Position verteidigen zu müssen – tagtäglich unzählige Male „instrumentalisiert“. Wenn ich das Wetter als Ausrede benutze, um zu erklären, warum ich nicht dort oder dort hingefahren bin, „instrumentalisiere“ ich es, mache ich es zum Instrument, das meine Ausrede glaubwürdig klingen lassen soll. Obwohl es als solches gar nichts dafür kann. Ich möchte den wirklichen Grund nicht nennen, brauche aber einen und wähle mir ihn deshalb aus der großen Palette der unzähligen Möglichkeiten. Zuerst kommt immer das, was ich sagen, behaupten, beweisen, bekräftigen usw. will, dann kommt das „Instrument“. Jemandem daher vorzuwerfen, er oder sie „instrumentalisiere“ ein Ereignis, ist also das Werfen mit Steinen aus einem Glashaus und weit eher dem Kindergartenniveau zuzuordnen als das Instrumentalisieren selbst. Wenn man den Vorgang wirklich so nennen will, denn es ist keinesfalls ein Wort, das in einem Roman oder einer Erzählung eine gute Figur machen würde. (Mein Maßstab!)
Interpretieren ist das Deuten eines Satzes, einer Aussage, eines Ereignisses. Man kann – aus bestimmten Gründen ge- oder erwünschte – Effekte in eine Aussage hinein- oder aus ihr herausdeuten. Kurz – man kann alles so drehen, daß es paßt und bis es paßt. Bei Büchern, Liedern oder Artikeln ist es vielleicht am schlimmsten, denn wenn man Sätze aus ihrem Zusammenhang reißt, sie anders aneinanderreiht, etwas vermeintlich Ähnliches aus den Tiefen der Vergangenheit hervorholt oder sonstwie würfelt, kann man fast jede Aussage in ihr Gegenteil verkehren. Für manche ist es Spiel, für manche Kunst, für manche Sport. So macht man harmlose Heimatlieder zu „Nazi“-Parolen, denn wenn schon mal Hexenjagd angesagt ist, hat jeder, der möchte, eine gute Gelegenheit, bislang ausbleibende Beachtung zu bekommen, indem er kräftig mitmischt. Gute und brauchbare Ideen lassen sich zu „menschenfeindlichen Gesinnungsauswüchsen“ umetikettieren, sachliche und begründbare Kritik wird plötzlich zu „Haß“, und selbst ein Buch wie die Bibel eignet sich zur Erstellung einer Selbstmordanleitung, wenn man nur die dazu passenden Sprüche auswählt und geschickt in einen neuen Kontext setzt (Beispiel für die Recherchebewußten: Matth. 27, 5 in Verb. mit Luk. 10, 37).
Man kann mit Worten so spielen, daß ALLES möglich ist.
Wenn uns das stärker bewußt wäre, könnten wir leichter zu ihnen auf Abstand gehen. Sie mit unserem Bauch- oder Herzgefühl überprüfen. Nicht alles glauben. (Vgl. Byron Katie: „Ist das wahr?“) Nicht alles nachplappern. Oder einfach nur lachen.
Natürlich bin ich selbst erst recht ein Wortspieler, mit Absicht und mit Hinterlist. Ich „instrumentalisiere“ und interpretiere ebenfalls, und zwar auf meine Weise.
Das Erzählen von Geschichten sei die einzige gewaltlose Möglichkeit, Menschen zum Nach- oder Umdenken zu bringen, hat mal Eugen Drewermann in einem seiner dicken Bücher geschrieben. Eine Aussage, die mich einmal sehr beeindruckt hat und die ich bis heute als zutreffend empfinde. Der ich aber leider nicht so weit gefolgt bin, daß ich mich nur auf Geschichten beschränkt hätte.
Deshalb bitte ich Euch alle, die Ihr immer wieder meine Artikel lest: Nehmt sie nicht so ernst!
Die Erzählungen sind besser.

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