Harry wird berühmt

„Jetzt werden Sie berühmt!“, meint die für die Kommunikation verantwortliche Dame der Hilfsgemeinschaft der Blinden- und Sehschwachen Österreichs zu Harry, nachdem Sie ihm eröffnete, dass bei der Zeremonie der Medaillenverleihung ein Reporter des Bezirksblattes anwesend sei.

„Für vierzehn Tage“, ich kann mir die Bemerkung nicht verkneifen. Der Einzige, der laut auflacht, ist Harry.

Ein Kontakt zu einer Redakteurin beim ORF ist auch schon zustande gekommen, ein Termin auf der Prater Hauptallee, möglicherweise sogar im Praterstadion ist bereits für Donnerstag fixiert. Hier, bei der rührigen Frau Bachleitner laufen die medialen Fäden zusammen. Die Dame vom österreichischen Rundfunk wolle, wie mein Freund mir im Vorfeld berichtete, primär von seinem sozialen Engagement berichten. Was wir beide gut finden. Heute aber geht es um Sport – nicht gerade meine Domäne.

Ob sein Freund für ihn eine kurze Laudatio halten dürfe, fragt der Star. Man kann es ihm nicht verwehren, ja man möchte es nicht. Er ist ja ein Himmelsgeschenk, wenn man so will, bei aller Sympathie auch ein Marketingereignis. Im Besprechungsraum 1 ist schon für Kaffee und Getränke gedeckt, Brötchen vom Trzesniewski liegen bereit, Sekt wurde gekühlt. Man ist gut vorbereitet. Wir betreten den Raum, es werden uns freundlich Plätze zugewiesen. Der Leiter der Beratungsstelle, Herr Fürst erscheint, ein launiger Mann, sehbehindert aber fröhlich und guten Mutes, mit der Entschuldigung, er habe bis morgens vier Uhr durchgearbeitet. Insgesamt schwirren vier Damen durch den Raum, bis sie sich als letzte zum Tisch setzen. In der Zwischenzeit hat der Journalist Harry Fragen zu stellen begonnen. Er ist in Sportdingen offenbar versiert, denn er kennt die alten Namen, die Harry ihm aus frühen Sporttagen nennt und nickt, während die Hand mit dem Bleistift Notizen vollbringt. Ich erfahre dabei Neues. Es handelte sich bei bewusstem Sportereignis vor 42 Jahren um die österreichische Meisterschaft über 25 Kilometer, Einzel- und Mannschaftsbewerb. Harry war Mitglied des Sportclubs WAC. Beim Halbmarathon lief Harry eine Zeit von 1:19:33. Bei späterer Erwähnung gibt man sich bewundernd. Dies entspräche heute dem 15. Platz. Der Sekretär des Österreichischen Leichtathletik Verbandes, Herr Baudis, ist selbstverständlich ebenfalls anwesend, denn er wird Harry die Bronze-Medaille zweimal umhängen. Wegen des Fotoshootings. Er ist ein stattlicher Mann, drahtig, sympathisch.

Nach Herrn Fürsts eher allgemeiner Einleitung über den Verband übergibt man mir das Wort. „Ein Freund …!“, heißt es aus dem Hintergrund. Ich vermeine, den leisen Unterton zu vernehmen. Ich stehe auf, blicke zu Harry und spreche ausschließlich zu ihm. Er grinst über das ganze Gesicht. Letztlich wird man die Laudatio als gelungen bezeichnen. Weil man die Anwesenden nicht zu Tode gelangweilt hat, erntet der Redner Applaus.

Der eigentliche Festakt ist freilich in der Medaillenverleihung auszumachen. Stühle werden verschoben, Fotos von Profis und Laien geschossen. Harry ergreift die Gelegenheit, sich zu bedanken. Es wird zu einem tiefberührenden Augenblick, wenn er eröffnet, dass er als Blinder bei Erwähnung seiner sportlichen Leistungen stets Unglauben und spöttische Bemerkungen erntete, woraufhin er sich darüber Schweigen auferlegte.

„Dank Ihnen darf ich jetzt wieder darüber reden!“ Tränen fließen ihm über das Gesicht. Aber Harry fängt sich gleich wieder und bittet in einer ausufernden Stegreifrede um Zulassung von Rollstuhlfahrern beim City-Marathon. Dabei beginnt er mit der Erwähnung eines Hörspiels/Dramas von Felix Mitterer, „Kein Platz für Idioten“, einem Stück, das vom Umgang mit Behinderten auf dem Land in den 70er-Jahren handelt. Herr Baudis reflektiert den Gedanken mit Bedauern und dem Hinweis diesbezüglicher Urgenz des Verbandes sowie auf die Tatsache, dass es sich bei erwähntem Marathon um eine Privatveranstaltung handelt.

Frau Bachleitner möchte schon die Presseaussendung wegschicken, aber Harry hat noch eine Reihe launiger Anekdoten loszulassen. Er spricht über die Gefahren alleinigen Laufens, dass die Polizei in der Praterallee auf ihn aufpasse, die Begebenheit, in der ein Radfahrer ihn an Pferdeäpfeln vorbeilotste, oder wie er Fiakerpferde mit dem Geräusch des Blindenstocks beinahe aufscheute, usf. Insgesamt habe er die Erfahrung gemacht, dass die Leute ein wachsames Auge auf ihn haben.

„Schließlich und endlich stehe ich unter Naturschutz!“. Die Runde schließt unter Gelächter und der Freundeskreis verabschiedet sich in ein nahes Café.

Wolfgang Anders

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