GRENZEN

 

Allgemein haben sie keinen guten Ruf. Der Begriff GRENZENLOS ist da weit faszinierender und löst große Träume aus. Seitdem eine der berühmtesten Mauern der Welt fiel und mit ihr ein gefürchteter und gehaßter Stacheldrahtzaun entfernt wurde, versinnbildlicht eine Grenze hingegen veraltete Weltanschauungen, Rückzug, Isolation, Trennendes. Von einem Betrachtungswinkel aus ist es tatsächlich so.
Doch es gibt auch andere. Vieles, was in diesen Tagen geschieht, scheint uns darauf hinweisen zu wollen.
So haben Grenzen durchaus ihren Sinn und verdienen eine differenzierte, vielleicht sogar eine vollständig rehabilitierende Bewertung. Die Psychologie kann Lieder davon singen, denn ein Mensch, der sich gegenüber denen, die ihn umgeben, nicht ABGRENZEN kann, findet seine Mitte nicht, verfehlt den inneren Kern, aus dem heraus er stark und souverän agieren könnte. Er löst sich in einer Weise auf, bei der er sich selbst – all seine Wünsche, Bedürfnisse, Ziele – aufgibt. Mancher Superschlaue mag einwenden, es käme schließlich darauf an, das Ego zu transformieren, loszulassen usw., doch dazu muß man sich dieses Egos zunächst einmal überhaupt bewußt werden. Wer den dritten oder vierten Schritt vor dem ersten tun will, kommt nicht vom Fleck.
Ein Mensch also, der einen Heilungsprozeß braucht und in einen solchen eintritt, muß sich abgrenzen können. Für ihn ist es geradezu lebenswichtig, hin und wieder und viel öfter als früher ein klares NEIN zu äußern; er darf Einflüssen von außen nicht länger erlauben, in sein Körper-Seele-Geist-System einzudringen. So ist auch eine Meditation ein Bei-sich-Sein, ein Wahrnehmen der eigenen Mitte und aus der eigenen Mitte heraus. Während solcher Vorgänge sind Grenzen – für den Betroffenen und Betreffenden – unverzichtbar. Leben pulsiert und verläuft in einem ständigen Wechsel zwischen Zusammenziehen und Ausdehnen. Daß sein Ziel die vollständige Ausdehnung ist, steht an dieser Stelle noch nicht zur Diskussion.


Wie im Kleinen, so im Großen. Was das Einzelindividuum braucht, ist auch für größere Einheiten notwendig, für Völker, Mentalitäts- und Sprachfamilien. Erst wenn es ganz und gar in seiner Identität angekommen ist, kann ein Volk (beschreiben wir es mal mit dem Wort „Mentalitätsgruppe“) sich glaubwürdig, frei und ohne Schaden für andere öffnen und somit auch die eigenen Grenzen abbauen. Schädliche Einflüsse können dann entweder keinen wirklichen Schaden mehr anrichten oder werden sofort und leicht erkannt und verhindert. Um sich selbst zu finden und zu erfahren, um zur eigenen Mitte zu gelangen, braucht daher ein Land oder ein Volk ebenfalls GRENZEN. Grenzen, die die Möglichkeit geben, Kräften von außen den Eintritt zu erlauben oder zu verwehren. Je souveräner, stärker und „in sich ruhender“ ein solches Volk oder Land geworden ist, desto durchlässiger wird es seine Grenzen machen. Es ist eine Art Wachstumsprozeß, der sich weder per Dekret verhindern noch per Idealismustraum beschleunigen läßt.
Dabei dienen Grenzen nicht dazu, Anderes, Fremdes, sonst von außen Kommendes abzuwehren, sondern den eigenen Raum so lange bewahren zu können, bis der eigene Heil- und Wachstumsprozeß bis zu dem Punkt gelangt ist, an dem eine neue Öffnung nach außen sich von selbst ergibt.
Ich bin also nicht GEGEN jemanden, sondern FÜR mich, wenn ich mich abgrenze. Und wenn ein Land seine Grenzen schützt, folgt es derselben Sinngebung, obwohl dieser Vorgang – so ist der Mensch eben – gern fehlinterpretiert wird (im Kleinen wie im Großen).
Wer aber ständig von „offenen Grenzen“ schwärmt, sollte sich zunächst einmal selbst dem Experiment aussetzen, sämtliche Wohnungs- und Zimmertüren seines Domizils offenstehen zu lassen und ausnahmslos jeden, der Lust hat, ihn auf diese Weise zu besuchen, willkommen zu heißen. Er wird wohl sehr schnell an seine GRENZEN kommen.

Andreas H. Buchwald                 Greith, 13. Oktober 2019

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