Europäischer Lieder-Wettbewerb

Nichts war uns als Jugendliche so sehr verhasst, wie der Europäische Gesangswettbewerb. Nicht nur aufgrund jugendlichen Hochmuts, sondern wegen der hauptsächlich schlechten Qualität des Liedguts. Es war einfach nur peinlich. Man befand sich schon damals außerhalb der siegreich aufgekommenen Popkultur, für die wir jedoch auch kaum etwas übrig hatten, denn wir hörten sowieso nur Rock, Blues und Jazz und kultivierten dabei unseren eigenen Abgrenzungsmythos.

Zwei Nationen hatten gestern für das Mega-Event Künstler abgestellt: Schweden und vor allem die Ukraine. Alle anderen sandten bloß Performer mit ihrem üblichen narzisstischen Selbstdarstellungskram. Ihnen ging es nicht um Aussagen oder eine Erzählung, sondern um die Botschaft ihrer Selbst. Dabei wurde auf besonders unangenehme und geschmacklose Weise bewiesen, dass nicht die Künstler (und Performer) im Blickpunkt standen, sondern eine ins Unermessliche aufgeblasene Maschinerie nationaler Selbstdarstellung mit den offenbar endlosen Mitteln der digitalen Revolution. Optisch bis ins Märchenhafte aufgeblasen, sahen wir den offenkundigen Beweis, dass wir schon seit einiger Zeit im Spektakelzeitalter leben.

Was kann man zu Zoe bemerken? Nun, sie ist lieb und hört in einem maßlos umtriebigen Markt auf ihre Karriereeinflüsterer. Das ist ihr nicht zu verdenken. Eine deutschsprachige Gesangseinlage während einer der zahlreichen Pausen zeigte auf, wo sie eigentlich hingehört. Sie sollte aufmerken, wo ihre innere Stimme sie hinleiten möchte.

Der Performer Justin Timberlake hat schließlich vorgeführt, wohin guter musikalischer Geschmack, tänzerische Perfektion zusammen mit einer ultra-tighten Band letztlich hinführen. Nämlich in für Europäer immer noch unerreichbare Gefilde.

Print Friendly, PDF & Email

Comments are closed.