Die sonderbare Wette

Nachdem Gott der Herr die Erde mit all ihren Bewohnern geschaffen hatte, ließ Er sich ziemlich lange Zeit, um das vielgestaltige Wesen, das aus Seiner Hand hervorgegangen war, zu beobachten. Es sollte von selbst an den Punkt gelangen, den Er sich vorgestellt hatte.
Auf diese Weise sah Er Lemuria und Atlantis untergehen und verfolgte neugierig alle weiteren Verwandlungen auf dem ungewöhnlichen Stern, den Er, um die Sache spannender zu gestalten, auch für die Spiele Ahrimans freigegeben hatte, für den Herausforderer und Meister der Einseitigkeit und Lüge, zuweilen auch Diabolos genannt. Mit diesem saß Er oft beim Schachspiel und ließ ihn sogar häufig gewinnen, weil Er von dem Geschehen auf der Erde abgelenkt war.
„Es wird langsam Zeit für ihren Untergang“, mahnte Ihn Ahriman eines Tages. „Du hast ihn ihnen versprochen, also musst du das Ganze auch durchziehen.“
„Ich muss gar nichts“, widersprach Gott, der plötzlich der Große Geist war, denn er liebte es, seine Erscheinungen zu wechseln, „aber ich sehe, dass sie von selbst untergehen werden, wenn ich sie dir weiterhin überlasse. Meine Akquise war stümperhaft, deine hingegen glänzend. Und jetzt hast du erheblich mehr Mitarbeiter bei ihnen angestellt als ich.“
„Schach!“, rief Ahriman grinsend und bedrohte mit seinem Läufer den König der Göttin. „Gewusst wie.“
Diese – wiederum eine Erscheinung ein und desselben Gottes – streckte sich und bedachte Ihren Gegenspieler mit nachsichtigen Blicken. „Hast du dir das reiflich überlegt? Ich brauche nur meinen Springer zu nehmen …“
„Ist ja schon gut!“ Der Teufel erkannte, dass sein Triumph verfrüht war und zog den Läufer zurück. Dann überlegte er kurz, neigte seinen Kopf geheimnisvoll über das Brettspiel und sagte: „Pass auf, ich biete dir eine Wette an. Du kannst die Menschen auf der Erde verändern, wie du willst, aber ein Volk überlässt du mir. Die Ängstlichsten von allen, die will ich haben. Dem Dominoprinzip entsprechend könntest du sie ja durchaus kriegen, wenn du alle anderen hast, aber ich wette, dass du es nicht schaffst. Diese Dummköpfe bleiben fest in meiner Hand, werden sich gegenseitig auf ewig hassen, denunzieren und ans Messer liefern. Sie sind dermaßen gut in der Übung, seitdem ich ihnen die Bande Wahnsinniger an die Spitze gesetzt hatte, die sie in den letzten Krieg jagte, um sie dann zu zerschneiden wie eine Geburtstagstorte. Ein Stückchen Ost, ein Stückchen West, ein köstlicher Spaß. Und wenn sich jetzt alle Völker für eine neue Ära vorbereiten, die Ängstlichen aber nicht, darf ich diese behalten und für immer knechten. Abgemacht?“
„Wo Angst ist, ist auch Mut“, widersprach Wotan. „Du wirst enttäuscht sein.“
„Wohl kaum.“ Ahriman schüttelte den Kopf. „Es genügt, wenn die Angst überwiegt. Die zwei oder drei Mutigen werden von der panischen Menge gelyncht. Also, was ist, gilt die Wette?“
Die Weiße Büffelkalbfrau betrachtete Ihren Gegenüber teils neugierig, teils amüsiert und erwiderte leise: „Ja, sie gilt.“
Dann machte Sie einen Zug mit Ihrem Springer und erklärte lächelnd: „Nun wirst du wohl deine Dame opfern müssen.“
„Mit deinen ständigen Verwandlungen machst du mich ganz verrückt“, versetzte der Teufel ärgerlich. „Aber wenn du auf die Wette eingehst, bin ich schon zufrieden.“
„Dein Pech“, erwiderte Brahma ungerührt. „Du bist und bleibst einseitig und kannst die Vielfalt nur schwer ertragen. Bei Licht betrachtet, bist du sogar ein Teil von mir. Da kann ich dir schon mal eine Chance lassen. Hier ist meine Hand.“
„Ich bin Zeuge“, meldete sich nun Michael, der Erzengel, der hinter den beiden stand und auf ein Zeichen des Ungenannten hin ihre Hände durchschlug. Die ganze Zeit hatte er das Schachspiel gespannt mitverfolgt, doch an dieser Stelle unterbrachen sie es. Ihre ganze Aufmerksamkeit war nun auf die Erde gerichtet, wo sich der Ausgang ihrer Wette entscheiden sollte.
Dort geschah unglaublich viel. Die Untaten der Großen und Berühmten kamen unbarmherzig ans Licht und schockierten die Bewohner vieler Länder, doch in einem davon überwogen die Ängstlichen, die ihre Augen und Ohren davor verschlossen. Die Wirtschafts- und Geldflüsse veränderten sich rasant, aber auch das schien die Furchtsamen nicht zu interessieren. Die Mitarbeiter des Teufels, von vielen bislang als geradezu göttlich bestaunt, bereiteten einen letzten großen Angriff vor, in dessen Verlauf sie die gesamte Weltbevölkerung bis auf einen kleinen Teil dezimieren wollten, und die Mutigen, die ihre Landsleute darauf hinwiesen, wurden beschimpft, verlacht, denunziert oder sonstwie angegriffen.
Horus seufzte und blickte aus Seinen Augenwinkeln zu Ahriman hinüber, der sich die Hände rieb. Sollte dieser Heimtücker seine Wette bereits gewonnen haben?
„Vielleicht ist es besser, wenn ich eingreife“, bot sich Michael an.
Elat, die Große Göttin, schüttelte den Kopf.
„Es braucht Geduld mit ihnen“, sagte Sie ruhig.
Ahrimans eifrige Angestellte riefen auf der Erde eine Pandemie aus, die kaum mehr oder weniger als eine gewöhnliche Krankheit war. Nur die Angst davor verbreitete sich mit Lichtgeschwindigkeit und auf ungewöhnliche Art und Weise. Angst war die eindrucksvollste Waffe des Leibhaftigen, und alle, die ihm dienten, wussten sie geschickt zu gebrauchen.
Die Regierungen verboten ihren Untertanen, ihr Leben zu leben. Sie verordneten die Schließung aller Einrichtungen, wo sich die Menschen trafen, wo sie einander näherkamen. Sogar zum Umlegen eines Maulkorbs und zu Mindestabständen verpflichteten sie sie, um zu verhindern, dass sie einander berührten und ihre Gefühle mitteilten. Wer nicht mitspielte, wurde ausgegrenzt, durfte weder kaufen noch verkaufen und galt als Feind, als Ungläubiger, als Abschaum.
In den meisten Ländern der Welt verstanden die Leute sehr schnell, was da mit ihnen getan wurde und warum, und sie begannen zu rebellieren. Sie sprachen von Betrug und Verbrechen und verlangten Aufklärung und Gerechtigkeit. Im Land der Ängstlichen jedoch blieben die meisten, wie sie waren, brav und scheu und unterwürfig. Zwar gab es auch unter ihnen zunehmend Mutige, die die Hinterlist der Herrscher erkannt hatten und beim Namen nannten, doch wäre das Verbrennen von Menschen noch Brauch gewesen, hätte man jenen Unbequemen am liebsten Scheiterhaufen errichtet.
„Nun siehst du, dass sie nichts merken“, trumpfte Ahriman siegessicher auf. „Ich wusste es. Das Land der Ängstlichen ist das einzige auf dieser Erde, in dem man die eigenen Wurzeln hasst. Allein schon, wenn einer das Wort ,Nation‘ laut sagt, sind alle anderen bereit, ihm den Schädel einzuschlagen, ganz gleich, wie friedvoll er daherkäme. Sie halten krampfhaft am Alten fest und ganz besonders an ihrer Angst. Du hast die Wette verloren.“
„Geduld“, mahnte Gott der Herr. „Warten wir es ab.“
Und da sie weder gestorben sind noch ihr Schachspiel beendet haben, warten sie noch heute.
Andreas H. Buchwald                                             Greith, 11. Juni 2020

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