Auferlegte Schweigefrist

Illuminiert im Rodeo der Feiertags-Rastlosigkeit und unter zunehmender Neurotisierung während der Parkplatzsuche auf den Warenhaustempel zu hechten wie auf einen nachgiebigen Abstandhalter zum Letzterlebten: Ohne Weihnachten wäre man froher. Doch Glück bedeutet nichts mehr, es sei nichts als eine Illusion, man hat es schon verworfen, weil man nicht unter der Einsicht leiden möchte Selbstverursacher oder zumindest Mittäter am eigenen Unbehagen zu sein. Freilich sind die diesbezüglichen selbstauferlegten Schweigegelübde jene, die zwar in ihrer sofortigen Aufhebung keinen Aufschub erdulden sollten, dabei jedoch nicht spontan für das Konzept der Planlosigkeit passend gemacht werden können. Denn das Unbehagen ist größer als man sowohl sich selbst, als auch als Entscheidungsträger der Öffentlichkeit eingestehen möchte. Man will auch diese Hürde noch schaffen und dann die nächste, denn sie kommt bestimmt wie das atemlose Amen in den Gebeten, die man nicht mehr spricht. Und lässt es sich nicht auch ohne dieses angebliche Glück einigermaßen leicht leben? Und zum eigenen, dem personalisierten Unbehagen, ja sogar darunter, damit es nicht gleich erkennbar ist, mischt sich auch noch das allgemeine, als sei es etwas Besonderes, wenn dabei auch widerwärtig. Denn alle fühlen sich betroffen, wenn das Andersartige seine bedeckten Schultern zeigt. Man spricht Anbetracht der Wogen an Flüchtenden (denn „Flüchtling“ ist ebenso abwertend wie das erkünstelte Substantiv „Erbärmling“, auch wenn es historisch gewachsen und allgemeine Anerkennung in der entsprechenden Konvention findet) von einem Überrennen durch Andersgläubige. Aber wo ist dann der eine, wenn schon nicht der wahre, da wir vom „anderen“ Glauben sprechen, falls er nicht schon in einer nachlässig verflossenen Vergangenheit als lästiges Beschwernis zum Sterben zurückgelassen wurde, christlich verkrümmt als leptosomer Leichnam eines Langhaarigen? War dessen Bild nicht längst schon Substitut mittelalterlicher Prägung, mit seinen schwungvollsten Ausführungen in der von uns heute hochgelobten und keinesfalls antireligiösen italienischen Renaissance? Und hat später Nietzsche sich nicht völlig zurecht gegen die Unmännlichkeit dieses vermittelten Bildes aufgelehnt? Und doch war er dann auch bloß ein Bilderstürmer. Denn jener, der die Anforderungen für eine menschlich verbindliche Kultur für beinahe zweitausend Jahre mit einfachsten Worten gründete, konnte nur noch von den durchaus kriminellen Machenschaften der sogenannten Christenheit übertroffen werden, um alles zu konterkarieren, was sie weitab weltlicher Politik ausmachen sollte. Lesen Sie Deschner! Und wenn der eigene Glaube nicht einmal mehr in ein sozialisiertes Christentum mündete, weshalb ist dann der gelebte Glaube der uns Fremden anders? Weil er im Gegensatz zu unserem noch existiert und dieser Umstand berührt uns peinlich.

Das ist das Erste, das der Fremde bemerkt: Das Fehlen jeglicher Spiritualität bei der Majorität seines Gast- oder Empfängerlandes, neben der individualisierten, unverbindlichen Mystik als ethisches Gemenge für ein Nischensegment des Marktes. Und was man ihm letztlich als unsere Werte anbieten möchte, nämlich Freiheit und Toleranz, erlebt dieser als Gleichgültigkeit und Permissivität. Er erkennt sie aus seiner privaten Sicht in nächster Generation als Ergebnis des soziologisch-säkularisierten Staates im Namen der plakativen Demokratie, mit der man den Korporatismus verbrämt. Warum gerade Paris? Nun, es ist die Hauptstadt des Sozio-Säkularstaates schlechthin und damit ein treffendes Symbol. Es ist der Sitz des agnostischen Kontinentalherzens. Die Eliten Europas haben das durchaus begriffen. Der feige Angriff in Paris wurde aus ihrer Sicht richtigerweise als Kampfansage gegen den aufklärerischen Geist Europas und der Vereinigten Staaten verstanden, einer letztlich in geistiger Kälte gestrandeten materialistischen Gesinnung. Nach dem eigentlichen Ende der Ideologien, deren Aushöhlung durch Praktizierung, wird man letztlich unter den Segnungen kampferschöpfter Nationen das UN-Edikt des Religionsverbotes wie ein Reinheitsgebot verkünden. Damit wird man trotz unaufhaltsam steigender Klimaerwärmung zusätzliche mentale Kälteinseln generieren.

Uns wird heiß und kalt werden.

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